Richy Müller atmet in seinem Clip für die Aktion #allesdichtmachen abwechselnd in zwei Tüten.
Kommentar

Aktion #allesdichtmachen Geschmacklos zynisch

Stand: 23.04.2021 16:26 Uhr

Die gespielte Gleichgültigkeit, mit der die Aktion "#allesdichtmachen" über die Corona-Toten hinweghumort, ist bemerkenswert - und völlig unangebracht. Sachliche Kritik an der Corona-Politik geht anders.

Ein Kommentar von Martin Schmidt, ARD-Hauptstadtstudio

Es ist ein Video, das unter die Haut geht: Ein schwer kranker Mann hat den Hörer nur kurz am Ohr. Er telefoniert noch einmal mit seiner Frau. Sie sprechen das letzte Mal für einige Wochen, erklärt die Ärztin auf der Intensivstation und fügt hinzu: "Vielleicht für immer." Der 60-Jährige muss ans Beatmungsgerät, schon vier Tage später braucht er eine künstliche Lunge. Überlebenschance: gering.

Martin Schmidt ARD-Hauptstadtstudio

Es sind solche Szenen, die dem kurzen Internetclip von Tatort-Kommissar Richy Müller entgegenstehen. Auch der bekommt darin nur schwer Luft, weil er sich abwechselnd zwei Mülltüten vors Gesicht hält. Ein Virenschutz, um die Corona-Pandemie zu besiegen, sagt er. Es soll Satire sein, doch es ist nur geschmacklos zynisch - wie auch die anderen Videos seiner Schauspielkolleginnen und -kollegen für die Aktion #allesdichtmachen.

Nicht wundern, wenn Extremisten applaudieren

Nein, die Betroffenheit ist es nicht, die Politiker, Journalisten oder auch die Öffentlichkeit allein in der Bewertung der Corona-Maßnahmen leiten sollte. Aber die gespielte Gleichgültigkeit, mit der über die Corona-Toten in den kurzen Videos hinweghumort wird, ist bemerkenswert. Der Sarkasmus: völlig unangebracht, in einer Zeit, in der die Zahl der Corona-Kranken, die intensivmedizinisch betreut werden müssen, neuen Höchstständen entgegengeht.

Es muss selbstverständlich möglich sein, kritisch zu hinterfragen, wie die Politik der Pandemie begegnet - auch mit einer solchen Internetaktion. War das Vorgehen der Regierenden immer fehlerfrei? Sicher nicht. Wer aber in einer solchen Überheblichkeit über jegliche Maßnahmen herzieht, der signalisiert kein Interesse am Diskurs. Vor allem nicht unter den Hashtags #allesdichtmachen, #niewiederaufmachen, #lockdownfürimmer.

Konstruktive Ansätze kommen von den Schauspielerinnen und Schauspielern keine. Die Videos schreien schlicht: "Alles aufmachen! Sofort! Lockdown beenden!" Wer mit Extremen bedenkenlos um sich schmeißt, darf sich nicht wundern, wenn Extremisten applaudieren.

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 23. April 2021 um 16:00 Uhr.

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Moderation 23.04.2021 • 18:54 Uhr

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