Der Schriftzug "Wir schliessen" steht am Schaufenster eines Geschäftes | dpa
Kommentar

Corona-Krise Die Insolvenzpflicht muss wiederkommen

Stand: 17.09.2020 18:06 Uhr

Um die Wirtschaft vor dem Corona-Crash zu bewahren, will die Bundesregierung die Insolvenzantragspflicht noch bis Ende des Jahres aussetzen. Auch wenn die Maßnahme effektiv war: Das wäre ein Fehler.

Ein Kommentar von Lothar Lenz, ARD-Haupstadtstudio

Als klar wurde, dass Corona die deutsche Wirtschaft in eine schwere Rezession ziehen würde, da zog die Bundesregierung alle Register: Sie erleichterte den Zugang zur Kurzarbeit, machte Milliardenhilfen für Unternehmen locker und sie hob für zahlungsunfähige Firmen die Insolvenzantragspflicht auf. Ob Messebauer, Gastronomen oder Reiseveranstalter - alle Betriebe, denen praktisch über Nacht die Umsätze weggebrochen waren, sollten erst mal weitermachen, möglichst liquide bleiben und die Arbeitsplätze erhalten.

Lothar Lenz ARD-Hauptstadtstudio

Pleitewelle ist nur eine Frage der Zeit

Das alles hat gewirkt. Nach minus sechs Prozent Wachstum in diesem Jahr erwartet die Koalition für 2021 wieder ein kräftiges Plus bei der Wirtschaftsleistung. Und auch die Zahl der Firmenpleiten war im ersten Halbjahr niedriger als im gleichen Zeitraum 2019.

Verdächtig niedrig. Denn wenn man führenden Ökonomen glaubt, dann ist es nur eine Frage der Zeit, bis die Corona-Pleitewelle kommt. Zu stark sind die Verwerfungen in einzelnen Branchen, zu groß die Liquiditätsengpässe, als dass nicht Tausende weitere Unternehmen den Gang zum Insolvenzverwalter antreten müssten. Auch innerhalb der Koalition in Berlin gibt es besorgte Stimmen, die längst wieder zu den Selbstheilungskräften des Marktes zurückkehren und die staatlich verordnete Galgenfrist für strauchelnde Betriebe beenden wollen.

Nicht alle Probleme haben mit Corona zu tun

Es ist ja kein Zufall, dass die Verschleppung einer Insolvenz unter Strafe steht und säumige Geschäftsführer auch persönlich haften müssen. Denn Gläubiger sollen vor einem eskalierenden Vermögensschaden bewahrt werden. Sonst reißt das schlecht ausgelastete Hotel irgendwann auch noch die regionale Brauerei mit in den Strudel.

Und: Längst nicht alle Probleme deutscher Unternehmen haben mit Corona zu tun. Wir sehen es in der Autoindustrie oder im Einzelhandel, was passiert, wenn ganze Branchen auf den Strukturwandel zu spät reagieren. Für die Aussetzung der Insolvenzpflicht gilt deshalb das gleiche wie für Staatsbeteiligungen oder für Subventionen: Gut dass es sie gibt, aber je schneller sie wieder auslaufen, desto besser. Denn Zombies gehören in die Geisterbahn - und nicht ins Unternehmensregister.

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Über dieses Thema berichtete NDR Info am 18. September 2020 um 04:00 Uhr.