Kommentar

Corona-Beschlüsse Fenster und Ohren auf Durchzug

Stand: 30.09.2020 10:16 Uhr

Die gemeinsamen Corona-Beschlüsse von Bund und Ländern sind zwar ein wichtiges Signal. Doch sie reichen nicht aus: Eine nationale Teststrategie und einheitliche Regeln für Reiserückkehrer fehlen noch immer.

Ein Kommentar von Georg Schwarte, ARD-Hauptstadtstudio

Ja, die Corona-Pandemie ist eine Zumutung. Und das wird sie für alle bleiben: für die Demokratie, wie Kanzlerin Merkel sagte, aber eben auch für Hochzeitspaare. Die müssen künftig neben ihrer Liebe auch die Zahl der Neuinfektionen in ihrer Stadt im Kopf haben, wenn sie zur Party einladen.

Wir haben viel gelernt, sagte die Kanzlerin. Das stimmt. Wir kennen jetzt Worte wie Sieben-Tage-Inzidenz und den Perkolationseffekt. Aber haben wir gelernt, mit dem Virus zu leben?

Bei Glühwein und Maske hört in Sachsen der Spaß auf

Wir haben mittlerweile eine Kanzlerin, die Deutschland das Lüften beibringt: Stoßlüften, Querlüften, Durchzug eben. Aber wir haben auch immer noch Leute, die bei Corona nicht die Fenster, sondern die Ohren auf Durchzug stellen. Maske? Keinen Bock mehr. Kontaktdaten im Restaurant? Mancher schreibt sich als Angela Merkel in die Liste und findet sich dabei witzig.

Gerade gestern durchbrach die Welt die Schallmauer von einer Million Corona-Toten. "Das kann doch keiner ignorieren" sagt Markus Söder, der Bayer. Naja, geht so: In München will die FDP mehr verkaufsoffene Sonntage wegen Corona. In Dortmund wollen sie am Samstag im Stadion den Corona-Zuschauerrekord brechen. 11.500 Fans beim Fußball. Toll. Und in Sachsen wissen sie jetzt schon, dass es im Dezember auf keinen Fall eine landesweite Maskenpflicht auf Weihnachtsmärkten geben soll. Glühwein und Maske - da hört offenbar der Spaß in Sachsen auf.

Herbstferien im Ausland sind kein Menschenrecht

In den letzten drei Monaten haben sich die Neuinfektionen hierzulande dreimal verdoppelt. Kanzlerin Merkel - ganz Physikerin - rechnete trocken nach: Geht das so weiter, werden wir zur Zeit der Weihnachtsmärkte pro Tag 19.000 Neuinfizierte haben.

Alles Quatsch? "Um uns herum explodieren die Coronazahlen", sagt Markus Söder. Die Menschen hierzulande sollten kurz nach Frankreich, nach Holland, nach Tschechien, nach Spanien schauen, um zu verstehen, was er meint. Aber viele wollen ja lieber dorthin reisen, nach Frankreich oder Spanien, statt aus der Situation dort zu lernen - und zu begreifen, dass Herbstferien im Ausland kein zwangsläufiges Menschenrecht sind.

Es fehlt eine nationale Teststrategie

Insofern war das Treffen der Länderchefs mit Merkel ein gutes Signal: Bund und Länder ausnahmsweise einigermaßen beisammen und bei Trost. Ein gemeinsames Regelwerk für private Feiern, für Bußgelder. Eine Hotspot-Strategie. Noch so ein Wort aus Coronazeiten übrigens, dass vor sechs Monaten niemand verstanden hätte. Immer regional spezifisch vorgehen, übersetzt das die Corona-Kanzlerin.

Dass der Bund allerdings keine nationale Teststrategie hat - die soll vielleicht Mitte Oktober kommen -, dass es bisher keine bundesweit einheitlichen Regelungen für Reiserückkehrer aus Risikogebieten gibt, obwohl am Montag in Hessen, Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern und Hamburg die Herbstferien beginnen: Das sind mehr als nur Schönheitsfehler. "Wir haben viel gelernt", sagt die Corona-Kanzlerin. Aber offenbar noch nicht genug.

 

Kommentar: Fenster und Ohren auf Durchzug - Corona-Treffen bei Merkel
Georg Schwarte, ARD Berlin
30.09.2020 09:28 Uhr

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Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 30. September 2020 um 12:00 Uhr.

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