Eine Krankenschwester füllt eine Spritze mit dem Impfstoff von Biontech/Pfizer. | picture alliance/dpa/dpa-Zentral
Kommentar

Corona-Impfungen Die Stärke der Mehrheit

Stand: 21.12.2021 07:14 Uhr

Die übergroße Mehrheit in Deutschland lässt sich impfen - täglich derzeit rund eine Million Menschen. Sie bemühen sich um Termine, stehen in Warteschlangen. Sie haben einen Anspruch darauf, dass der Staat für sie da ist.

Ein Kommentar von Michael Stempfle, ARD-Hauptstadtstudio

Da ist die 80-jährige Frau, die erzählt, wie erleichtert sie sei. Endlich sei sie geboostert. Zwar habe sie bei ihrem Arzt in der kleinen Ortschaft keinen Termin auf die Schnelle bekommen. Es sei aber ein mobiles Ärzteteam zu ihr aufs Land rausgefahren. Dass sie erst eine Weile in der klirrenden Kälte anstehen musste, bis sie an die Reihe kam, habe sie gern in Kauf genommen.

Michael Stempfle ARD-Hauptstadtstudio

Pro Woche kümmern sich derzeit Millionen Menschen in Deutschland um einen Impftermin, um sich im Falle einer Covid-19-Infektion vor einem lebensbedrohlichen Krankheitsverlauf zu schützen. Ein Glück, dass eine so große Mehrheit in der Krise die Nerven behält und besonnen agiert.

Die öffentliche Aufmerksamkeit konzentriert sich unterdessen auf eine ganz andere Gruppe. Konkret: Auf eine kleine Minderheit von radikalen, gewaltbereiten Impfgegnern und Verschwörungserzählern. Ähnlich wie Terroristen verbreiten sie Angst und Schrecken. Nicht nur im Netz oder auf Telegram, wo sie von der "Todesspritze" reden und ihren Gewaltfantasien freien Lauf lassen, gar Morde planen. Sondern auch im realen Leben, wie etwa der Fackelmarsch vor dem Privathaus der sächsischen Gesundheitsministerin vor wenigen Wochen zeigte. Ein erbärmlicher Einschüchterungsversuch mit NS-Symbolik.

Zunehmende Radikalisierung

Die Mehrheit der Bevölkerung hat längst begriffen, dass es sich bei den radikalisierten Impfgegnern um Verfassungsfeinde handelt, die den demokratischen Staat ablehnen und für rationale Argumente nicht mehr empfänglich sind. Wie bei anderen Extremisten auch, will sich die Mehrheit der Bürger auf den Rechtsstaat verlassen können, sobald Verfassungsfeinde Straftaten planen oder begehen.

Zwar heißt es aus Sicherheitskreisen immer wieder, die Gruppe der gewaltbereiten Impfgegner radikalisiere sich immer weiter. Konkrete Zahlen bleiben die Behörden allerdings schuldig. Wie viele von ihnen sind möglicherweise im Besitz von Waffen und schmieden gar Mordpläne, wie gegen den sächsischen Ministerpräsidenten Michael Kretschmer? Wie viele mögen mit dem Maskenverweigerer sympathisieren, der einen Kassierer in Idar-Oberstein mit einem Kopfschuss tötete? Die vagen Aussagen der Sicherheitsbehörden zur Bedrohungslage derzeit schaffen eher Verunsicherung.

Wenn der Alltag zum Stresstest wird

Für die vielen Impfwilligen, die sich in der Krise solidarisch zeigen, wird der Alltag immer mehr zum Stresstest. Gespräche mit Impfskeptikern im Familien-, Verwandten- oder Freundeskreis oder auch in sozialen Medien sind oft anstrengend, ermüdend. Manchmal führen sie regelrecht zu einer Belastungsprobe. Was zum Beispiel, wenn der Vater sagt, die kleine Tochter müsse geimpft werden, die Mutter aber strikt dagegen ist?

Längst nicht alle Impfskeptiker sind Verfassungsfeinde. Manchmal sind es Ehefrau, Bruder oder Cousine, die zweifeln, vielleicht auch stur sind. Wie will der Staat sie überzeugen?

In der ersten Stellungnahme des Expertenrates der Bundesregierung zu Covid-19 heißt es: "Die Omikronwelle trifft auf eine Bevölkerung, die durch eine fast zweijährige Pandemie und deren Bekämpfung erschöpft ist und in der massive Spannungen täglich offenkundig sind."

Kommunikationsstrategie ist nötig

Gegen Ende der Stellungnahme empfiehlt die Kommission "eine umfassende Kommunikationsstrategie". Dafür wäre es in der Tat allerhöchste Zeit.

Die Mehrheit der Bürger, die sich an die Spielregeln hält, hat einen Anspruch darauf, dass der Staat für sie da ist, seinen Job ordentlich macht. Doch der Staat zeigt sich anfällig. Der Expertenrat warnt nun sogar davor, dass die schnell steigenden Inzidenzen "hohe Risiken für die kritische Infrastruktur" in sich bergen. Gemeint ist damit unter anderem auch, dass der Rat sich Sorgen macht, ob Krankenhäuser, Polizei und Technisches Hilfswerk noch genügend Personal haben, wenn viele erkranken könnten. Ob der Staat alles tut, um so ein Dilemma zu vermeiden? Zweifel sind angebracht, denn Vertreter der Sicherheitsbehörden sind im Expertenteam derzeit nicht vertreten.

Die 80-jährige Frau, die inzwischen geboostert ist, weiß, dass die Omikron-Variante dafür sorgen wird, dass es wohl wieder zu Kontaktbeschränkungen kommen wird. Warum die neue Regierung nun wieder lange zögert, diese umzusetzen, wie schon die alte Regierung, sei ihr schleierhaft, sagt sie. Am Ende würden die Maßnahmen nur umso härter. Aber wie der großen Mehrheit in der Bevölkerung bleibt ihr auch nichts anderes übrig, als die Entscheidungen abzuwarten.

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Über dieses Thema berichteten am 11. Dezember 2021 Deutschlandfunk Kultur um 12:09 Uhr und Deutschlandfunk um 13:16 Uhr.