Gianni Infantino mit dem FIFA-Weltpokal | AP
Kommentar

Urteil gegen Blatter und Platini Schmierenkomödie mit dem Titel "FIFA"

Stand: 08.07.2022 15:09 Uhr

Ihr Freispruch ist für die beiden Ex-Fußballbosse Blatter und Platini ein Sieg auf ganzer Linie - für die FIFA und die Schweizer Generalanwaltschaft dagegen eine dramatische Niederlage. Im Fußball dürfte sich aber wenig ändern.

Ein Kommentar von Rainald Becker, ARD-Studio Genf

Am Ende war es eine Mischung von "aus Mangel an Beweisen" und "in dubio pro reo", im Zweifel für den beziehungsweise die Angeklagten. Ganz offensichtlich waren dem Bundesstrafgericht in Bellinzona sowohl die Beweisführung als auch die Argumentation der Staatsanwaltschaft zu dünn. Heißt also: Jetzt bekommt Michel Platini die beschlagnahmten rund zwei Millionen Euro Beraterhonorar zurück, und beide - auch Sepp Blatter - erhalten obendrein noch eine Entschädigung. Ein Sieg also auf ganzer Linie für die beiden Ex-Fußballbosse und sicherlich eine große Genugtuung.

Rainald Becker ARD-Studio Genf

Im Gerichtssaal des Bundesstrafgerichts in Bellinzona saßen aber heute auch die großen Verlierer dieses Verfahrens. Zum einen die Generalanwaltschaft der Schweiz, der es nicht gelungen ist, die Vorwürfe gegen Blatter und Platini zweifelsfrei zu belegen. Ja, mehr noch: Ihre Ermittler und der ehemalige Bundesanwalt Michael Lauber wurden zeitweilig selbst zum Gegenstand der Ermittlungen. Warum beispielsweise traf sich der Lauber mehrmals mit FIFA-Boss Gianni Infantino? Worum ging es da? Der Verdacht, Infantino oder enge Mitarbeiter von ihm hätten Blatter und Platini angeschwärzt, damit Infantino selbst FIFA-Boss werden konnte, hält sich bis heute hartnäckig.

Platini droht nun der FIFA

Und damit sind wir beim zweiten großen Verlierer dieses Prozesses, beim Fußball-Weltverband FIFA. In Bellinzona ist die FIFA als Nebenklägerin angetreten und musste heute mit leeren Händen den Gerichtssaal verlassen. Weder bekommt die FIFA das Beraterhonorar an Platini zurück noch die darauf gezahlten Sozialleistungen von rund 229.000 Euro. Und was noch schwerer wiegen dürfte: Die FIFA wird die Trickserei- und Korruptionsvorwürfe wohl nicht los.

Zumindest Platini hat nach der heutigen Urteilsverkündung angedroht, jetzt auf die seiner Ansicht nach wahren Schuldigen, ergo die FIFA, loszugehen, um "die Wahrheit ans Licht zu bringen". Und wenn er das wahr macht, dürfte die Schmierenkomödie mit dem Titel "FIFA" also eine weitere Pirouette drehen. Schließlich geht es bei Blatter und Platini auch um die Wiederherstellung ihres "guten" Rufes.

In Katar ist alles vergessen

Vor allem Platini hat nicht vergessen, dass er 2015 nicht nur nicht FIFA-Boss wurde, sondern dass er damals gleichzeitig von der Ethikkommission des Fußball-Weltverbands für acht Jahre gesperrt wurde - wie auch Sepp Blatter. Nach dem Freispruch heute könnte das unter Umständen juristisch als ungerechtfertigtes Berufsverbot gewertet werden und eine millionenteure Entschädigungsforderung nach sich ziehen.

Verloren hat heute einmal mehr der schöne Sport Fußball. Der Verdacht, dass die großen internationalen Fußballverbände korrupt sind, wird bleiben, und die weit verbreitete Meinung, dass die hohen Funktionäre fast immer ungeschoren davonkommen, wurde einmal mehr bestätigt.

Man muss kein Pessimist sein, um festzustellen: Es wird wohl auch in Zukunft im internationalen Sport um verdeckte Zahlungen, Geschacher um Spitzenposten und dubiose Vergabeentscheidungen gehen. Aber seien wir doch ehrlich: Spätestens wenn im November in Katar der Ball rollt, spielt das alles keine Rolle mehr und das heutige Urteil ist dann ohnehin längst vergessen.

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Über dieses Thema berichtete BR24 am 08. Juli 2022 um 15:10 Uhr.