Zahlreiche Impflinge warten in einer Schlange in den Hamburger Messehallen auf ihre Impfung. | dpa
Kommentar

Ende der kostenlosen Tests Nun zählt die Mehrheit

Stand: 11.08.2021 10:42 Uhr

Nach den neuen Beschlüssen von Bund und Ländern ist klar: Für Ungeimpfte wird es komplizierter. Dass Bund und Länder das kostenlose Freitesten bald beenden, ist nur konsequent.

Ein Kommentar von Lothar Lenz, ARD-Hauptstadtstudio

Fast wäre die Zahl untergegangen im täglichen Datenstrom des Robert Koch-Instituts und der Gesundheitsbehörden: 55,1 Prozent der Bevölkerung in Deutschland sind inzwischen geimpft gegen Corona. Rechnet man aus dieser Impfquote die Kinder heraus, für die es noch keinen Impfstoff gibt, dann haben sich mehr als zwei Drittel der Erwachsenen in Deutschland für eine Impfung entschieden.

Lothar Lenz ARD-Hauptstadtstudio

Den Alltag zurückhaben

Das ist eine deutliche Mehrheit. Es geht jetzt also nicht mehr um Privilegien für Geimpfte oder Sanktionen für Nicht-Geimpfte: Es entspricht dem demokratischen Prinzip, wenn sich das öffentliche Leben und der Pandemieschutz nach dem Willen dieser Mehrheit ausrichten. Einer Mehrheit, die geimpft ist und die - so bald es geht und so gut es geht - ihren Alltag zurückhaben will. Mit Maske zwar, aber ohne Lockdown und ohne Ausgangssperre. Mit funktionierenden Schulen und lebendigen Kindertagesstätten. Und vielleicht auch wieder mit einem Kneipen- oder Kinobesuch. Wie früher.

Wohl auch mit mehr Aufklärung nicht zu überzeugen

Seit fast acht Monaten kann man sich bei uns jetzt impfen lassen gegen das Virus. Das kostet den Einzelnen nichts, hat sehr geringe Nebenwirkungen und geht inzwischen ziemlich zügig. Wer sich bis heute also noch immer keinen Termin besorgt hat für die Spritze, der ist wohl auch mit teuren staatlichen Aufklärungskampagnen nicht mehr von der Sinnhaftigkeit einer Corona-Impfung zu überzeugen. Sondern höchstens noch mit ganz praktischen Nachteilen im Alltag.

Deswegen ist es konsequent, dass Bund und Länder das kostenlose Freitesten für Nicht-Geimpfte bald beenden. Es ist richtig, dass sie den Zugang zur Gastronomie und zu Veranstaltungen bei weiter steigender Inzidenz beschränken: auf Geimpfte und Genesene. Das entspricht dem Willen der Mehrheit, es dient der Gesundheit aller – und vielleicht führt es ja noch zu einem Sinneswandel bei der einen oder dem anderen Skeptiker.

Impfquote von 80 Prozent wird sich kaum erreichen lassen

Trotzdem: Eine Impfquote von bis zu 80 Prozent, wie sie Kanzlerin Angela Merkel vorschwebt, wird sich so kaum erreichen lassen. Und die vierte Welle der Infektionen hat längst begonnen. Es rächt sich jetzt, dass die Bundesregierung eine Impfpflicht von Anfang an zum politischen Tabu erklärt hat. Auch deswegen haben Bund und Länder so wenig in der Hand außer der vagen Ankündigung, Nicht-Geimpften den Stadionbesuch oder das Essen im Restaurant zu verleiden.

Da ist es fast tröstlich, dass die absurde Idee von einer Impfprämie für Spätentschiedene bei der Konferenz der Kanzlerin mit den Länderchefs und -chefinnen offenbar keine Chance hatte. So tief darf der Staat nicht sinken, dass er auch noch die belohnt, die eines der besten Gesundheitssysteme der Welt kaum zu würdigen wissen.

Redaktioneller Hinweis

Kommentare geben grundsätzlich die Meinung des jeweiligen Autors oder der jeweiligen Autorin wieder und nicht die der Redaktion.