Kommentar

Antidiskriminierungsbericht Wer schweigt, unterstützt Rassisten

Stand: 09.06.2020 18:26 Uhr

Mehr Menschen haben Beschwerden wegen Rassismus eingelegt. Dafür verdienen sie Respekt. Besser wäre es, wenn sie sich nicht beschweren müssten, weil alle sich dagegen wehren.

Ein Kommentar von Isabel Reifenrath, HR

"Silence is violence" steht auf vielen Plakaten bei den Demonstrationen gegen Rassismus. In den USA, in Deutschland, überall. "Schweigen ist Gewalt" - gemeint ist damit, dass man aufstehen soll gegen Rassismus.

Wir müssen Rassismus bekämpfen - jeden Tag. Rassismus ist nämlich ein Alltagsproblem. Es passiert beim Einkaufen, beim Bewerbungsgespräch, bei der Wohnungssuche - da werden Deutsche als Neger oder Kanaken beschimpft, weil sie schwarz sind oder Kopftuch tragen.

Statistik sagt nichts über tatsächlichen Rassismus

Der Bericht der Antidiskriminierungsstelle zeigt, dass die Zahl der Beschwerden über Rassismus um zehn Prozent zugenommen hat. Das sagt nichts darüber aus, wie rassistisch Deutschland tatsächlich ist. Denn es glaubt doch nicht ernsthaft jemand, dass es in Deutschland im letzten Jahr nur 1176 Fälle von Rassismus gegeben hat. Wohl kaum.

Aber: Es beschweren sich offenbar mehr betroffene Menschen. Gut möglich, dass das auch daran liegt, dass es mehr Rassismus gibt. Sich zu beschweren fällt sicherlich niemandem leicht. Es verletzt den Stolz, überhaupt zuzugeben, dass man rassistisch angegriffen wurde. Es kostet Zeit und Nerven, sich an die Antidiskriminierungsstelle zu wenden, noch mehr Zeit und möglicherweise auch Geld, jemanden zu verklagen.

Kampf gegen Rassismus erleichtern

Mein ganzer Respekt gilt denjenigen, die das machen. Ihre Aussichten auf Entschädigung durch das Gleichbehandlungsgesetz sind häufig nicht gut. Es geht ihnen nicht nur um sich selbst, sondern darum, generell etwas zu verändern. Ihnen sollte der Kampf gegen Rassismus erleichtert werden.

Das Gleichbehandlungsgesetz zu verbessern und ihre Chancen auf Entschädigung zu erhöhen, wäre deshalb richtig. Es kann nicht sein, dass man gegen Rassismus von Polizisten oder Lehrern nicht rechtlich vorgehen kann.

Alle müssen etwas sagen

Berlin ist das erste Land mit einem eigenen Gleichbehandlungsgesetz, durch das es nun möglich ist, auch Beamte wegen Diskriminierung zu verklagen. Die Frage ist dabei doch nicht, ob man sie damit unter Generalverdacht stellt, sondern warum man sie bisher unter Generalschutz gestellt hat? War das etwa nötig?

Wir müssen es möglich machen, dass man sich gegen Rassismus wehren kann. Wir sind aber auch verantwortlich, dass nicht jeder vor Gericht ziehen muss. Wir alle müssen etwas sagen, wenn uns Rassismus begegnet. Tun wir das nicht, sind wir auch Rassisten. Silence is violence. Schweigen ist Gewalt.

Kommentar: "Silence is violence" - Antidiskriminierungsbericht alarmiert
Isabel Reifenrath, ARD Berlin
09.06.2020 16:10 Uhr

Download der Audiodatei

Wir bieten dieses Audio in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Audiodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Redaktioneller Hinweis

Kommentare geben grundsätzlich die Meinung des jeweiligen Autors und nicht die der Redaktion wieder.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 09. Juni 2020 um 12:00 Uhr.

Darstellung: