Frank-Walter Steinmeier, Annegret Kramp-Karrenbauer und Eberhard Zorn gedenken mit gesenkten Köpfen. | EPA
Kommentar

Afghanistan-Einsatz Gedenken ersetzt nicht die Aufarbeitung

Stand: 13.10.2021 17:32 Uhr

Bundestag und Bundesregierung haben den Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr gewürdigt. Doch jahrelanges Schweigen über diesen und andere Einsätze kann das nicht vergessen machen. Gedenken kann Aufarbeitung nicht ersetzen.

Ein Kommentar von Kai Küstner, ARD-Hauptstadtstudio

Die Politik verbeugt sich vor den Soldatinnen und Soldaten - endlich. Es ist eine Demutsgeste, die wichtig ist: Für die Familien und Freunde der 59 in Afghanistan Gefallenen. Für die Traumatisierten, in deren Köpfen die Bilder vom Einsatz auch heute noch als Horrorfilm-Dauerschleife laufen. Für jene, die sich nach der Taliban-Machtübernahme jetzt die quälende War-alles-sinnlos-Frage stellen.

Kai Küstner ARD-Hauptstadtstudio

Ehrenbezeugung ist ein Stück Wiedergutmachung

Dabei ist die Ehrenbezeugung von Seiten der Politik auch ein Stück Wiedergutmachung: Weder die Verteidigungsministerin noch die Kanzlerin noch sonst eine Politikerseele ließ sich am Rollfeld blicken, als die letzten deutschen Soldatinnen und Soldaten Ende Juni im niedersächsischen Wunstorf landeten. Und das nach zwei Jahrzehnten in Afghanistan.

Dieses Versäumnis hat viele Veteraninnen und Veteranen wütend gemacht, es hat sie frustriert, es hat jenes verheerende Bild in ihren Köpfen zementiert, dass sich ohnehin kaum jemand für ihren lebensbedrohlichen Einsatz je interessiert hat.

Das ist kein Wunder angesichts einer Kanzlerin, die sich das toxische Thema Afghanistan in ihrer Amtszeit vom Leib gehalten hat, wo sie nur konnte. Angesichts einer politischen Führung, die über Jahre mehr damit beschäftigt war, dem Einsatz kaschierende Schminke aufzutragen, als die Öffentlichkeit über Motivation, Ziele und Gefahren wirklich aufzuklären.

Das Gedenken darf kein Schlussstrich sein

All dies kann ein einziger Tag nicht ungeschehen machen. Und es wäre auch gar nicht im Interesse der Bundeswehr, wenn die Politik nun in der Verneigungspose erstarrt und ansonsten weitermacht wie bisher.

Entscheidend ist, dass der Tag des Gedenkens nicht zum Tag des Schlussstrichs wird. Entscheidend ist, dass man sich nun ernsthaft auf den Pfad der Fehlersuche begibt - und diesen erst wieder verlässt, wenn man Lehren für zukünftige Einsätze oder laufende wie den in Mali gezogen hat.

Es gibt viel aufzuarbeiten

Und aufzuarbeiten gibt es eine ganze Menge. Für die Politik genauso wie für die Truppe selbst übrigens, die ihren Auftrag, wie ihr Ministerin Kramp-Karrenbauer nun noch einmal bescheinigte, offenbar als erfüllt ansieht:

Wie konnte es passieren, dass die deutschen Soldatinnen und Soldaten in Kundus anfangs gemütlich spazieren gehen konnten, dann aber das Einsickern der Taliban nicht verhinderten und diesen dann 2009/2010 täglich in Gefechten gegenüberstanden?

Wie konnte es passieren, dass einige wenige Afghanen sich während der internationalen Präsenz prächtige Paläste in Kabul bauten und Gelder plastiktütenweise außer Landes brachten, während heute jeder dritte Landesbewohner hungrig ins Bett geht?

Wie konnte es passieren, dass offenbar kaum jemand kommen sah, wie sehr sich die afghanische Armee vom Westen nach dem Hals-über Kopf-Abzug im Stich gelassen fühlte und wie blitzartig die Taliban dann die Macht an sich rissen?

Bundespräsident Steinmeier hat Recht, wenn er gerade jetzt sagt: "Wir müssen über Afghanistan reden." Für dieses Gespräch kann der Tag des Gedenkens nur der Ausgangs-, nicht der Endpunkt gewesen sein. Und dieses Gespräch darf nicht, wie in der Vergangenheit, wieder zu einem Selbstgespräch unter Soldatinnen und Soldaten werden. Sonst verkommt die tiefe Verbeugung der Politik am Afghanistan-Gedenktag zur einmaligen, leeren Pose.

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Über dieses Thema berichtete Inforadio am 13. Oktober 2021 um 17:05 Uhr.