Einwohner Kabuls stehen an einer Straße | AFP
Kommentar

Einsatz in Afghanistan Armselig und verlogen

Stand: 16.08.2021 17:35 Uhr

Auf das lange Scheitern des Westens in Afghanistan kann es keine schnellen Antworten geben. Aber dass man sich in Deutschland jetzt verwundert die Augen reibt, ist verlogen und armselig.

Ein Kommentar von Georg Schwarte, ARD-Hauptstadtstudio

20 Jahre Afghanistan-Einsatz. 20 lange Jahre gekämpft, ausgebildet, investiert und ja - auch 20 Jahre gestorben. Wieder und wieder. 20 Jahre deutsche Afghanistan-Politik. Und dann folgte heute dieser eine Satz über das Schicksal der Ortskräfte: "Man kann nur beten, dass alle gerettet werden." Bitterer kann Scheitern kaum klingen als dieser verzweifelte Satz von Norbert Röttgen. Ein Unionspolitiker übrigens, dessen Partei 16 Jahre deutsche Afghanistan-Politik mitverantwortete. Am Ende also hilft nur noch beten.

Georg Schwarte ARD-Hauptstadtstudio

Erst Irak. Dann Libyen. Jetzt Afghanistan. Röttgen nennt es selbstkritisch das "Komplettversagen des Westens", dieses große Land so allein zu lassen. Es ist in vielerlei Hinsicht eine Wegscheide für künftige Krisen dieser Welt. Welches Volk, welche bedrängte Regierung wird sich jemals wieder auf Hilfe dieses Westens verlassen, wenn sie doch am Ende der Westen verlässt? Planlos obendrein.

Der Westen hilft? Afghanistan reicht künftig als Antwort. Heute, da nicht nur Ortskräfte in ganz Afghanistan zu Hause in ihren Kellern hocken, Frauen Burkas aufsetzen und Männer die Jeanshosen verbrennen, heute ist nicht der Tag, für schnelle Antworten auf ein langes Scheitern.

Alle wussten es

Aber dass Deutschland und der Westen 20 Jahre eine afghanische Armee aufbauen, die Polizei ausbilden, Milliarden investieren in Mensch und Material, um nach 20 Jahren angeblich erstaunt festzustellen: "Sieh mal da, die Ausbildung hat offenbar nicht funktioniert" - ist so verlogen wie armselig. Alle wussten es. Vor vielen Jahren sagte ein deutscher Verteidigungsminister einmal, der Einsatz ist gescheitert. Man scheiterte weiter, als ob nichts wäre.

Dass eine Weltmacht wie die USA scheinbar kopflos Militär abzieht, um erst danach an Botschaftsmitarbeiter, Ortskräfte, Nichtregierungsorganisationen und Helfer zu denken, ist unerklärlich. Dass die Verbündeten wie Deutschland spätestens da keinen Plan hatten und - wie Röttgen es sagte -  "hinterher trotteten", ist verantwortungslos.

Wer 20 Jahre in einem fremden Land versucht, einer ihm fremden Kultur Freiheit und Demokratie nahezubringen, hat eine Schutzverantwortung übernommen. Nicht für die korrupten afghanischen Politiker und die bestochenen Provinzgouverneure. Aber für die Lehrerinnen, die Journalistinnen, die Schülerinnen, für die Frauen und Mädchen, die glaubten, es gebe für sie hinter der Burka eine Welt in Farbe. "Man kann nur beten, dass sie alle gerettet werden." Was für ein Satz.

Drei Millionen Binnenflüchtlinge

Wer jetzt übrigens sagt, das kam doch alles völlig überraschend, muss erklären, warum es dort seit Jahren drei Millionen Binnenflüchtlinge gibt. Warum mehr als zwei Millionen Afghanen im Iran und in Pakistan ausharren. Sicher nicht, weil die Offensive der Taliban so überraschend kam.

Sollte Deutschlands Sicherheit tatsächlich auch am Hindukusch verteidigt worden sein, wie der Sozialdemokrat Peter Struck einst sagte, dann sollten wir uns jetzt wohl Sorgen machen. Oder eben beten, dass alle gerettet werden. Irgendwie.

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Dieser Beitrag lief am 16. August 2021 um 17:36 Uhr auf MDR Aktuell.