US-Soldaten machen sich in Kundus zum Abflug in einem Hubschrauber vom Typ UH-60 Blackhawk bereit. | dpa
Kommentar

Abzug aus Afghanistan Im Stich gelassen

Stand: 14.04.2021 17:56 Uhr

Für die Menschen in Afghanistan bedeutet der Abzug der internationalen Truppen vor allem eines: noch mehr Gefahr, noch mehr Ungewissheit, vermutlich noch mehr Leid.

Ein Kommentar von Silke Diettrich, ARD-Studio Südasien

Die US-Truppen und damit auch die NATO ziehen aus Afghanistan ab. "Bedingungslos", sagt US-Präsident Joe Biden. Also quasi unbedingt, um jeden Preis, eben an keinerlei Bedingungen geknüpft.

Silke Diettrich ARD-Studio Neu-Delhi

Ungewisse Zukunft

Die USA ziehen sich aus ihrem längsten Krieg zurück, die Afghaninnen und Afghanen aber bleiben mitten drin. Was also denkt der Vater, der im Interview in Tränen ausbricht, weil seine achtjährige Tochter mitten auf einer Hochzeit bei einem Selbstmordanschlag umgebracht wurde? Getötet von einem radikalen Islamisten. Was wird der Junge denken, der gerade einmal wenige Stunden auf der Welt war, als Attentäter auf die Geburtsstation gestürmt sind und seine Mutter mit mehreren Kugeln getötet haben?

Werden die nicht denken, dass die USA und die ausländischen Truppen sie völlig alleine gelassen haben mit gewalttätigen Extremisten? Dass die Ausländer, die in ihr Land gekommen sind, um einen Terroristen zu vernichten, der dazu kein Afghane war, nach fast zwei Jahrzehnten nicht einmal aushandeln konnten, dass es endlich einen Waffenstillstand gibt? Das sei mehr als ein Schlag ins Gesicht, sagen einige Afghaninnen und Afghanen, die in eine völlig ungewisse Zukunft schauen.

Taliban drohen

Und die Taliban? Auch die scheinen brüskiert und garantieren für nichts mehr. Sie hatten im letzten Jahr ein Abkommen mit den USA unterzeichnet, darin steht, dass die US-Truppen zusammen mit allen anderen ausländischen Soldaten und Soldatinnen bis zum ersten Mai abziehen sollten. Nun drohen die Taliban mit einem großen Krieg, falls die USA den Termin nicht einhalten sollten. Was sie ja nicht tun werden.

Präsident Biden wird in den USA vermutlich eines Tages dafür gefeiert werden, bis zum 20. Jahrestag der Terroranschläge den längsten US-amerikanischen Krieg beendet zu haben. Jubel bei den Afghaninnen und Afghanen ist aber kaum in Sicht. Denn die meisten Menschen in Afghanistan, die keine Waffen und keine Macht haben, können keine Bedingungen stellen. Und abziehen, also ihr Land verlassen, das können sie schon gar nicht.

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Über dieses Thema berichtete Inforadio am 14. April 2021 um 10:26 Uhr.