Ein Banner mit der Aufschrift "Impfzentrum Sachsen" wird von einem Bauzaun entfernt | dpa
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Debatte über Impfzentren Länder irritiert über Spahns Vorstoß

Stand: 01.11.2021 14:39 Uhr

Um bei den Booster-Impfungen schneller voranzukommen, sollen die Bundesländer wieder Impfzentren öffnen, fordert Gesundheitsminister Spahn. Auf Anfrage von tagesschau.de zeigen sich mehrere Länder überrascht bis irritiert.

Von Patrick Gensing und Carla Reveland, tagesschau.de

Angesichts weiter stark steigender Corona-Zahlen fordert Bundesgesundheitsminister Jens Spahn die Bundesländer auf, ihre Impfzentren wieder zu öffnen. Auch der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach meint, die Zentren sollten wieder den Betrieb aufnehmen.

Doch ist es überhaupt kurzfristig möglich, die im Spätsommer geschlossenen Impfzentren einfach wieder zu reaktivieren? Ein ehemaliger Teamleiter eines Impfzentrums in einer deutschen Großstadt sagte im Gespräch mit tagesschau.de, er halte es für sehr schwierig, die Impfzentren kurzfristig wieder zu öffnen. Viele ehemalige Mitarbeitende seien aus der Veranstaltungsbranche gekommen, oder aus der Gastronomie - und seien längst in ihre Berufe zurückgekehrt. Zudem müsste die Infrastruktur in vielen Zentren erst wieder aufgebaut und neue Mitarbeitende geschult werden. In kleineren Städten fehlten außerdem entsprechende Hallen, die genutzt werden könnten.

In den meisten Bundesländern gibt es zudem keine konkreten Pläne, die Impfzentren wieder zu öffnen - oder diese sind teilweise noch in Betrieb. Auf Anfrage von tagesschau.de erklärte das Sozialministerium Sachsen, es werde genau beobachtet, ob es Versorgungslücken beim Impfangebot gebe. Ein Sprecher verwies auf "zahlreiche verschiedene Impfmöglichkeiten", darunter 30 mobile Teams, die derzeit nicht ausgelastet seien. Hier seien "auch die Kommunen und Landkreise gefragt, sie müssen diese anfordern".

Berlin hat noch Impfzentren

In Berlin seien während der vergangenen Monate "sukzessive vier Corona-Impfzentren geschlossen" worden, teilte eine Sprecherin der Senatsverwaltung für Gesundheit mit. Zwei Impfzentren sind demnach noch geöffnet. Senatorin Dilek Kalayci betonte beim Sender ntv, diese Zentren seien wichtig, zudem müssten aber auch die Arztpraxen mehr impfen. Bayern erklärte ebenfalls, dass es noch 81 Impfzentren als "Basisstationen mit reduzierter Kapazität" gebe.

Das Gesundheitsministerium von Schleswig-Holstein teilte mit, es gebe "bereits landesweit eine Vielzahl von temporären Impfstellen an vielen wechselnden Orten" - darunter auch in ehemaligen Impfzentren.

In Bremen seien zwar die großen Impfzentren geschlossen worden, sagte ein Sprecher der Gesundheitsbehörde, doch würden dort fünf Impfstellen - sogenannte Mini-Impfzentren - betrieben, dazu gebe es mehr als 20 mobile Teams sowie drei Impfmobile und Impfbusse. Eine Wiedereröffnung der großen Impfzentren sei "aktuell nicht notwendig". Brandenburg sieht ebenfalls keine Notwendigkeit, diese wieder zu reaktivieren. Auch Hamburg und NRW teilten mit: Die Impfzentren werde es in alter Form nicht mehr geben.

Thüringen erwartet Beschlüsse

Thüringen hat die meisten Impfzentren gar nicht erst geschlossen. Gesundheitsministerin Heike Werner erklärte Ende September: "Jetzt großflächig die Impfstellen zu schließen, wäre genau das falsche Signal. Denn wenn wir gut durch den Herbst und den Winter kommen wollen, dann gilt: Jede Impfung zählt. Daher machen wir von der Möglichkeit Gebrauch, diese Strukturen weiterzuführen."

Auf Anfrage von tagesschau.de erklärte das zuständige Ministerium in Erfurt, 27 der 29 Zentren seien noch in Betrieb. Für alles weitere müssten bundeseinheitliche Regelungen getroffen werden, dazu erwarte Thüringen entsprechende Beschlüsse der Gesundheitsministerkonferenz Ende der Woche.

Mecklenburg-Vorpommern teilte mit, im konkreten Bedarfsfall könnten die vormaligen Impfzentren innerhalb von Tagen oder wenigen Wochen wieder eröffnet werden.

Niedersachsen höchst "irritiert"

Aus Niedersachsen kam Kritik an Spahns Vorschlag: Gesundheitsministerin Daniela Behrens sagte gegenüber tagesschau.de: "Die neuesten, unabgestimmten Vorschläge des geschäftsführenden Bundesgesundheitsministers zu einer Wiedereröffnung der stationären Impfzentren empfinde ich als höchst irritierend."

Es sei Spahn gewesen, der die Finanzierung der Impfzentren und die Belieferung der Länder mit Impfstoff zum 30. September eingestellt habe. Niedersachsen habe sich "frühzeitig und sehr vehement dafür eingesetzt, dass es auch nach der Schließung der Impfzentren eine öffentliche Ergänzung zu den Impfungen im Regelsystem der Ärztinnen und Ärzte geben kann". Dafür seien mobile Impfteams in allen Landkreisen und kreisfreien Städten aufgebaut.

Baden Württemberg zeigt sich "überrascht"

Auch das zuständige Ministerium in Baden-Württemberg reagierte "überrascht" auf Spahns Vorstoß, da "erst vor wenigen Wochen die Impfzentren, die zuletzt zu keinem Zeitpunkt ausgelastet waren, geschlossen wurden". Das Ministerium appellierte "noch einmal eindringlich an das Engagement der Ärzteschaft", ihrem Versorgungsauftrag nachzukommen - und kündigte an, möglicherweise weitere Impfteams aufzubauen.

Um das Ziel zu erreichen, schnell mehr Menschen für die Erst- und die Booster-Impfung zu erreichen, seien "jetzt alle dezentralen mobilen und Popup-Angebote das richtige Mittel. Für die Wiederöffnung von Impfzentren würden wir einen wesentlich längeren Vorlauf benötigen".

Beschluss zur Schließung

Die Gesundheitsministerkonferenz (GMK) hatte im Einvernehmen mit dem Bundesgesundheitsminister beschlossen, "nach Erreichen des Gemeinschaftsschutzes ('Herdenimmunität')" werde es "die vorrangige Aufgabe der niedergelassenen Ärzte und Betriebsärzte sein, die notwendigen Auffrischungsimpfungen" durchzuführen. Dies ermögliche es, "die Impfzentren in ihrer derzeitigen Anzahl und Kapazität spätestens zum 30. September 2021 zurückzufahren oder zu schließen".

Auf Anfrage von tagesschau.de erklärte das Bundesgesundheitsministerium, der Bund habe bislang rund 1,7 Milliarden Euro an die Länder zur Teilfinanzierung der Impfzentren und der mobilen Impfteams ausgezahlt. Auf die Frage, ob die Schließung der Impfzentren ein Fehler gewesen sei, teilte das Ministerium mit, Jens Spahn habe "deutlich gemacht, dass es jetzt darum geht, die Zentren soweit startbereit zu machen, dass flächendeckend Booster-Impfungen möglich sind". Die Details dazu würden sicherlich auf der Gesundheitsministerkonferenz diese Woche in Lindau besprochen.

Vor zehn Tagen waren 1,35 Millionen Auffrischungen verimpft worden, mittlerweile - Stand 31. Oktober - sind es etwa zwei Millionen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 01. November 2021 um 07:00 Uhr in den Nachrichten.