Jugendliche unterhalten sich im Park. | Bildquelle: imago images/Arnulf Hettrich

UNICEF-Studie Deutschland bei Kindeswohl nur im Mittelfeld

Stand: 03.09.2020 07:39 Uhr

Sorgen, Übergewicht und unzureichende schulische Kenntnisse: Auch in den reichsten Ländern der Welt haben viele Kinder mit großen Problemen zu kämpfen. Deutschland steht laut einer UNICEF-Studie schlechter da als seine Nachbarn.

Die Lebenszufriedenheit deutscher Kinder ist einer UNICEF-Studie zufolge geringer als in anderen Industrieländern. Laut der repräsentativen Untersuchung des Kinderhilfswerks geben in Deutschland 75 Prozent der 15-jährigen Mädchen und Jungen an, mit ihrem Leben sehr zufrieden zu sein. In den Niederlanden sind es 90 Prozent, in der Schweiz 82 Prozent und in Frankreich 80 Prozent. Der niedrigste Wert wurde mit 53 Prozent in der Türkei gemessen, gefolgt von Japan und Großbritannien.

"75 Prozent ist einerseits ein guter Wert, man kann es aber auch umdrehen und sagen: Jedes vierte Kind ist nicht sehr zufrieden", sagte der Sprecher von UNICEF Deutschland, Rudi Tarneden. "Und das ist im internationalen Vergleich eben gar nicht so gut." Dabei spiele sicherlich mit, dass die Eltern vieler deutscher Kinder stärker sorge- und angstgetrieben seien als in anderen Ländern. "Wenn die Erwachsenen wenig Zuversicht vermitteln, spiegelt sich das in den Einstellungen der Kinder."

Deutschland im oberen Mittelfeld

Laut der Studie des UNICEF-Forschungszentrums Innocenti landet Deutschland beim Wohlergehen von Kindern insgesamt auf Rang 14 von 41 untersuchten Ländern der OECD und der EU. Für den Report wurden nationale Daten zur psychischen und physischen Gesundheit von Kindern sowie zu ihren schulischen und sozialen Kompetenzen und den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen ausgewertet.

In den berücksichtigten Industriestaaten haben Kinder neben mentalen Problemen vor allem mit Übergewicht und unzureichenden schulischen Kenntnissen zu kämpfen. Der Anteil der Kinder mit Fettleibigkeit und Übergewicht ist in den vergangenen Jahren gewachsen: Etwa eines von drei Kindern ist der Studie zufolge entweder adipös oder übergewichtig. In Deutschland liegt der Anteil bei 27 Prozent.

Probleme beim Finden von Freunden

Ungefähr 40 Prozent aller Kinder in den EU- und OECD-Ländern verfügen mit 15 Jahren nicht über grundlegende Fähigkeiten im Lesen und Rechnen. Kinder in Bulgarien, Rumänien und Chile schneiden hier im Vergleich am schlechtesten ab, am besten dagegen die Mädchen und Jungen in Estland, Irland und Finnland. 

Sorgen bereiten UNICEF auch die sozialen Kompetenzen: In den meisten Ländern hat eines von fünf Kindern nur wenig Vertrauen in seine soziale Fähigkeit, neue Freunde zu finden. Kinder in Chile, Japan und Island sind in dieser Hinsicht am wenigsten zuversichtlich. In Deutschland sagen lediglich 72 Prozent der Mädchen und Jungen, dass es ihnen leicht fällt, schnell Freundschaft zu schließen. Die höchste Selbstmordrate unter Jugendlichen - eine der Haupttodesursachen in der Altersgruppe zwischen 15 und 19 Jahren in reichen Ländern - hat Litauen, gefolgt von Neuseeland und Estland.

Kinderarmut könnte wegen der Corona-Krise steigen

"Viele der reichsten Länder der Welt, die eigentlich über genügend Ressourcen verfügen, scheitern, wenn es darum geht, allen Kindern eine gute Kindheit zu ermöglichen", sagte Gunilla Olsson, Direktorin von UNICEF Innocenti. Norwegen, Island und Finnland würden in dieser Hinsicht die besten politischen Maßnahmen ergreifen - gefolgt von Deutschland. 

Olsson wies außerdem auf die enormen Belastungen für Kinder durch die Corona-Pandemie hin, unter anderem durch Schulschließungen und Ausgangsbeschränkungen. "Die Unterstützung von Kindern und ihren Familien während der Covid-19-Pandemie ist erschreckend unzureichend", sagte sie. Das Kinderhilfswerk warnte zudem vor einem Ansteigen der Kinderarmut angesichts des erwarteten Rückgangs der Wirtschaftsleistung in vielen Ländern. 

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 03. September 2020 um 08:00 Uhr in den Nachrichten.

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