Ärzte in Schutzkleidung betreuen einen Patienten auf einer Intensivstation für Covid-19-Patienten in Moskau. | Bildquelle: dpa

Coronavirus in Deutschland "Daten weisen auf Übersterblichkeit hin"

Stand: 08.05.2020 17:52 Uhr

Wie wirkt sich das Coronavirus auf die Zahl der Toten in Deutschland aus? Vorläufige Zahlen bis Mitte April könnten auf mehr Todesfälle im Vergleich zum Vorjahr hindeuten. Doch es gibt auch Zweifel.

Während der Corona-Pandemie sind laut Statistischem Bundesamt überdurchschnittlich viele Menschen in Deutschland gestorben. Das geht aus einer in Wiesbaden veröffentlichten Sonderauswertung hervor. Für die jüngeren Daten nutzen die Statistiker die Sterbefallmeldungen der Standesämter. Derzeit liegen damit vorläufige Daten bis 12. April vor.

Demnach liegen die Sterbefallzahlen in Deutschland seit 23. März "über dem Durchschnitt der jeweiligen Kalenderwochen der Jahre 2016 bis 2019". In der letzten Märzwoche seien mindestens 19.385 Menschen gestorben, zwischen 30. März und 5. April mindestens 20.207 und zwischen 6. und 12. April mindestens 19.872.

Im Vergleich starben in der letzten Woche, für die Daten vorliegen, knapp 2000 Menschen beziehungsweise elf Prozent mehr als im vierjährigen Durchschnitt für diese Woche. Vergleicht man einzelne Jahre, waren es zwischen 6. und 12. April 18 Prozent mehr Tote als 2017 und vier Prozent mehr als 2018.

"Üblicherweise abnehmende Zahlen"

"Die aktuelle Entwicklung ist auffällig, weil die Sterbefallzahlen in dieser Jahreszeit aufgrund der ausklingenden Grippewelle üblicherweise von Woche zu Woche abnehmen", so die Statistiker. "Dies deutet auf eine Übersterblichkeit im Zusammenhang mit der Covid-19-Pandemie hin."

Im europäischen Vergleich sei der Umfang der Übersterblichkeit in Deutschland bislang allerdings gering, so das Statistische Bundesamt. Belgien, Frankreich, Großbritannien, Italien, die Niederlande, Österreich, Schweden, Schweiz und Spanien hätten "zum Teil wesentlich höhere Sterbezahlen im Vergleich zum Durchschnitt der Vorjahre". Keine auffälligen Veränderungen gibt es demnach lediglich in Norwegen und Tschechien.

Begrenzte Aussagekraft?

Tim Friede, Leiter des Instituts für Medizinische Statistik der Universitätsmedizin Göttingen, hält die Aussagekraft solcher Wochenvergleiche allerdings für begrenzt. Generell gebe es bei den Sterbefallzahlen "eine hohe Varianz", sagte Friede der Nachrichtenagentur dpa.

Auch wenn die Zahlen seit Beginn der Corona-Krise höher seien, so sei man doch "deutlich unter den Maxima anderer Jahre. Die Mortalitätszahlen liegen im Rahmen dessen, was wir auch in den vergangenen Jahren gesehen haben."

Es sei auch nicht möglich, anhand der Zahlen die zur Eindämmung der Pandemie eingeleiteten Maßnahmen zu bewerten. "Das wäre erst im langfristigen Verlauf nach mehreren Lockdown- und Lockerungsphasen möglich." Erste Hinweise könne man aber aus dem internationalen Vergleich ziehen. Dieser zeige ganz klar, "dass im Gegensatz zu anderen Ländern die Mortalitätszahlen in Deutschland nicht durch die Decke gegangen sind".

In der aktuellen Diskussion würden bisweilen Ursache und Wirkung verkehrt: Wenn die Zahl der Todesfälle gering ist, sei das vermutlich die Folge der eingeleiteten Maßnahmen - aber keinesfalls ein Argument, dass die Maßnahmen unnötig waren.

Statistisches Bundesamt will schneller werden

Das Statistische Bundesamt will als Lehre aus der Corona-Pandemie krisenrelevante Daten künftig schneller liefern, wie dessen Präsident Georg Thiel der "Frankfurter Rundschau" sagte. "Wir brauchen monatliche und vierteljährliche Daten, ältere Statistiken sind zum Krisenmanagement schlicht nicht geeignet", so Thiel.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 08. Mai 2020 um 13:00 Uhr.

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