Erdogan-Anhänger feiern das Wahlergebnis auf dem Kurfürstendamm in Berlin. | Bildquelle: dpa

Deutschtürkische Wähler Zwei Drittel der Stimmen für Erdogan

Stand: 25.06.2018 08:38 Uhr

Bei der türkischen Präsidentschafts- und Parlamentswahl stimmten zwei Drittel der Wähler in Deutschland für Erdogan. Nur etwa die Hälfte der Deutschtürken hierzulande ist in der Türkei wahlberechtigt.

In Deutschland fällt der Wahlsieg des türkischen Präsidenten noch deutlicher aus als in der Türkei: Bei den deutschtürkischen Wählern liegt Recep Tayyip Erdogan mit mehr als 60 Prozent wohl weit deutlicher vorne. Allerdings sind die Stimmen noch nicht vollständig ausgezählt. Erdogans Anhänger feierten mit Autokorsos und Fahnen schwenkend bis in die Nacht auf den Straßen.

Erdogans Herausforderer Muharrem Ince von der CHP kam mit 22,1 Prozent der Stimmen auf Platz zwei,. Die anderen beiden Kandidaten Selahattin Demirtaş von der prokurdischen HDP und Meral Aksener von der Partei Iyi erreichten einstellige Ergebnisse. Bei der Parlamentswahl erreichte Erdogans islamisch-konservative AKP mit 56,3 Prozent die absolute Mehrheit bei den Wählern, die in Deutschland leben.

Die Wahlbeteiligung unter den 1.443.585 Millionen Wahlberechtigten in Deutschland lag zwar nur bei 49,7 Prozent - gegenüber 87 Prozent in der Türkei selbst -, war damit aber so hoch wie nie zuvor. In Deutschland leben dem jüngsten Migrationsbericht zufolge 2,8 Millionen Menschen, die entweder einen türkischen Pass haben oder deren Familien von dort stammen.

Özdemir: Deutschtürken lehnen liberale Demokratie ab

Cem Özdemir, der frühere Parteichef der Grünen, sagte über das Wahlverhalten: "Das muss uns alle beschäftigen." Die feiernden Erdogan-Anhänger jubelten "nicht nur ihrem Alleinherrscher zu, sondern drücken damit zugleich ihre Ablehnung unserer liberalen Demokratie aus", sagte er.

Die SPD-Bundestagsabgeordnete Cansel Kiziltepe sprach im ARD-Morgenmagazin von einer "tiefen Spaltung" der türkischen Gesellschaft. Sie sagte, es sei erschreckend, dass sich die Zahl der Anhänger von Erdogans Regierungspartei AKP in Deutschland erhöht habe. Ein Grund dafür ist ihrer Einschätzung nach, dass es in den vergangenen Jahrzehnten "faktisch" keine Integrationspolitik gegeben habe. Menschen hätten sich ausgegrenzt gefühlt. Für die Türkei sieht die Sozialdemokratin eine Entwicklung hin zu einem "autokratischen Staat".

Die Fraktionsvizechefin der Linken, Sevim Dagdelen, bezeichnete die Wahl in der Türkei als "weder frei noch fair". "Durch Manipulationen lange vor dem Wahltag hat Erdogan sein Ziel erreicht: ein autoritäres Präsidialsystem", sagte sie. Es sei zu befürchten, dass er die Türkei in eine neue Eskalation treibe.

Türkische Gemeinde: konservatives Arbeitermilieu

Die Türkische Gemeinde in Deutschland erhofft sich hingegen eine Abnahme der politischen Spannungen zwischen den unterschiedlichen Lagern: "Seit Jahren dreht sich alles um Politik, die Menschen in der Türkei brauchen Ruhe und ein Ende des Ausnahmezustands", sagte der Bundesvorsitzende Gökay Sofuoglu. Auch viele in Deutschland lebende Menschen türkischer Herkunft hätten den Wunsch, nun "zum Alltag zurückzukehren".

Deren Wahlverhalten erklärte Sofuoglu als Folge der Art von Arbeitsmigration, wie sie die Bundesrepublik seit den Sechzigerjahren betrieben habe. Die damals als "Gastarbeiter" zugezogenen Türken stammten vorwiegend aus einem konservativen Arbeitermilieu. "Für sie ist Erdogan derjenige, der Krankenhäuser, Autobahnen und Einkaufszentren gebaut hat", sagte Sofuoglu. Menschenrechte interessierten sie hingegen weniger.

Noch höhere Zustimmung in Österreich

Schon bei Abstimmungen in der Vergangenheit hatte Erdogan in Deutschland besonders hohe Zustimmungsraten verzeichnet: So votierten 2015 bei der Parlamentswahl fast 60 Prozent der Wähler für seine AKP, beim Referendum über die mit der aktuellen Wahl vollzogenen Verfassungsänderungen stimmten 63,1 Prozent in Deutschland mit Ja.

In Österreich fiel die Zustimmung der Wahlberechtigten zu Erdogan mit mehr als 70 Prozent sogar noch höher aus als in Deutschland. Sofuoglu vermutete dahinter den "Faktor Protest", nachdem die nationalkonservative Regierungskoalition in Österreich jüngst mehrere Moscheen geschlossen hatte.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 24. Juni 2018 um 23:15 Uhr. Am 25. Juni 2018 berichtete das ARD-Morgenmagazin um 05:45 Uhr.

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