Putsch in der Türkei | Bildquelle: AFP

Auf Bitten der Türkei Deutschland sucht mutmaßlichen Putschisten

Stand: 24.01.2018 18:00 Uhr

Seit Monaten behaupten türkische Medien, einer der Hauptverschwörer des Militärputsches hielte sich in Deutschland auf. Nun geht die Bundesregierung dem Verdacht aktiv nach.

Von Georg Mascolo,  Andreas Spinrath und Markus Sehl, WDR/NDR

"Gesuchte Terroristen": Unter dieser Überschrift fahndet die türkische Polizei auf ihrer Homepage nach angeblichen Schwerverbrechern, mit rot sind jene markiert, die in die wichtigste Kategorie fallen. Auf diese sind jeweils vier Millionen türkische Lira ausgesetzt, knapp eine Million Euro. Hochrangige PKK-Funktionäre finden sich dort, IS-Attentäter, der Prediger Fethullah Gülen - und Adil Öksüz.

Genau nach diesem Mann suchen die deutschen Behörden jetzt nach Informationen von WDR, NDR und "Süddeutscher Zeitung" ganz aktiv. Seit dem 14. November 2017 ist für Öksüz eine sogenannte "Aufenthaltsermittlung" ausgeschrieben. Öksüz ist nach Ansicht der türkischen Behörden einer der Hauptverschwörer des gescheiterten Militärputsches vom 15. Juli 2016, den die türkische Regierung der Gülen-Bewegung zuschreibt.

Türkei Putsch | Bildquelle: REUTERS
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In der Nacht vom 15. auf den 16. Juli 2016 putschten Teile des Militärs in der Türkei gegen die Regierung Erdogan. Das Militär verhängte das Kriegsrecht und eine Ausgangssperre für das ganze Land.

Das Phantom Ökzüz

Um Öksüz' Geschichten ranken sich einige Merkwürdigkeiten: So soll der Theologie-Professor in der Putschnacht aus der Luftwaffenbasis Akinci geflüchtet sein. Von Akinci sollen in der Putschnacht die Jagdflieger aufgestiegen sein, die das türkische Parlament bombardiert hatten. Die Polizei soll ihn kurz darauf festgenommen, ein Richter ihn aber wieder freigelassen haben. Öksüz tauchte offenbar unter - und ist seither eine Art Phantom.

Die Liste der Anschuldigungen gegen Öksüz ist lang: Der heute 50-Jährige soll mehrfach in die USA gereist sein, sei das Bindeglied zwischen aufständischen Militärs und Fethullah Gülen gewesen. Im Auftrag des Predigers habe der "Mufti des Putsches" in Zivilkleidung den Coup auf der Luftwaffenbasis befehligt.

Zudem spekulieren vor allem türkische Medien und die Erdogan-Regierung seit Monaten, wo sich Öksüz seit seiner gelungenen Flucht angeblich aufhält. Immer wieder vermutete man ihn in Deutschland. So soll Öksüz in Baden-Württemberg, Hessen und Niedersachsen gesehen worden sein. Angeblich habe er längst in Deutschland eine Aufenthaltsgenehmigung erhalten, würde von deutschen Behörden geschützt.

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Hat er Asyl in Deutschland gesucht?

Ähnliches hatte man von türkischer Seite Deutschland auch in den Fällen der NATO-Militärs und Diplomaten, die nach dem Putschversuch Asyl in Deutschland erhielten, immer wieder vorgeworfen.

Nichts davon ist sicher: Öksüz hat unter seinem Namen offenbar nie einen Asylantrag in Deutschland gestellt. Nie wurde bewiesen, dass er sich tatsächlich in Deutschland aufhielt. Öksüz bleibt ein Phantom.

Doch die türkische Regierung übersandte ihren deutschen Kollegen später Informationen, die Öksüz' Verwicklung in den Putsch zweifelsfrei beweisen sollten. Zudem machte Ankara auf diplomatischen Wegen, schriftlich und in persönlichen Gesprächen, Druck auf Berlin. Man machte klar, welche überragende Bedeutung man dem Fall beimisst. So wurde nun die "Aufenthaltsermittlung" auf höchster Ebene abgestimmt.

Mit diesem Vorgehen will die Bundesregierung offenbar auch die Beziehungen zur Türkei normalisieren, während in der Öffentlichkeit über den weiter ohne Anklage in Haft sitzenden "Welt"-Korrespondenten Deniz Yücel und mögliche Rüstungsexporte in die Türkei gestritten wird.

Die Suche nach Öksüz könnte ein Zeichen der Regierung Merkel sein, dass man den Türken helfen will - auch wenn eine Abschiebung unter derzeitigen Bedingungen sehr schwierig, eine Strafverfolgung in Deutschland jedoch denkbar wäre.

Die Botschaft ist klar: Wenn der Bundesregierung überprüfbare Belege geliefert werden, die echte Putschisten überführen, kann die Strafverfolgung tätig werden. Ob man Adil Öksüz aber findet, kann niemand versprechen.

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Das Militär gegen Erdogan (16. Juli 2016)

Der Putschversuch in der Türkei

Türkei Putsch

In der Türkei hat es am 15. Juli einen Putschversuch gegeben. Um die Kontrolle über Istanbul zu erlangen, sperrte das Militär unter anderem die beiden Bosporus-Brücken ab. | Bildquelle: REUTERS

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 24. Januar 2018 um 18:15 Uhr in den Nachrichten.

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