Corona-Tests in der Fleischfabrik Tönnies | KORTE/BUNDESWEHR/HANDOUT/EPA-EFE

Corona-Ausbruch bei Tönnies Lockdown-Angst und ein reumütiger Chef

Stand: 21.06.2020 11:21 Uhr

Beim Fleischverarbeiter Tönnies gehen die Corona-Tests weiter. Die Landesregierung berät auch über einen regionalen Lockdown. Regierungschef Laschet ist vor Ort, um mit dem Krisenstab zu sprechen. Firmenchef Tönnies spricht von Reformen.

Folgt nun doch der regionale Lockdown nach dem Corona-Ausbruch beim Fleischverarbeiter Tönnies in Rheda-Wiedenbrück? Angesichts von mittlerweile mehr als 1000 nachgewiesenen Infektionen bleibt dieses Szenario eine Option bei der Sondersitzung des nordrhein-westfälischen Kabinetts am Mittag. Ministerpräsident Armin Laschet und Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann informieren sich vor Ort über die Lage.

Laschet hatte einen regionalen Lockdown ausdrücklich nicht ausgeschlossen. Den will der Kreis Gütersloh aber möglichst vermeiden. SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach forderte die umgehende Verhängung eines regionalen Lockdowns durch die Behörden vor Ort. "Bund und Länder haben Kontakt- und Ausgehbeschränkungen für den Fall von mehr als 50 Neuinfektionen pro Woche bei 100.000 Einwohnern vereinbart. Wann soll diese Regelung zur Anwendung kommen wenn nicht jetzt im Landkreis Gütersloh?", sagte Lauterbach dem "RedaktionsNetzwerk Deutschland".

Bundeswehr hilft bei Entnahmen

Die Reihentestungen der insgesamt 6500 Mitarbeiter werden heute fortgesetzt. Bis Samstagmittag wurden rund 5800 Proben genommen, rund 3100 Befunde lagen vor. In 2098 Fällen war das Ergebnis negativ, bei 1029 Beschäftigen wurde das Coronavirus nachgewiesen.

65 Bundeswehrsoldaten helfen bei der Probenentnahme. Geplant sei der Einsatz von 40 mobilen Teams aus Mitarbeitern des Ordnungsamts, des Deutschen Roten Kreuzes und der Bundeswehr, sagte eine Sprecherin des Landkreises. Auch Dolmetscher seien dabei. Einige Teams würden von Polizisten begleitet.

Die Fleischfabrik wurde für 14 Tage geschlossen. Nachlaufarbeiten werden nach Angaben des Krisenstabs unter Arbeitsquarantäne-Bedingungen verrichtet. Das bedeutet, dass sich Mitarbeiter ausschließlich zwischen Arbeits- und Wohnort bewegen dürfen.

Tönnies kündigt Reformen an

Konzernchef Clemens Tönnies verteidigte sich gegen die immer lauter werdende Kritik am Krisenmanagement. Unter anderem hatten Krisenstabsleiter Thomas Kuhlbusch und Landrat Sven-Georg Adenauer bemängelt, dass das Unternehmen Daten von Mitarbeitern nur zögerlich und teils unvollständig weitergegeben habe. Diesen Vorwurf wies Tönnies unter Verweis auf Datenschutzgründe zurück.

 Clemens Tönnies | dpa

Firmenchef Tönnies sieht das Unternehmen in einer schweren Krise. Bild: dpa

Tönnies sprach von einer "existenziellen Krise des Unternehmens". Er zeigte sich enttäuscht vom Vertrauensverlust der Behörden. Sein Unternehmen habe eng mit dem Krisenstab und den Behörden kooperiert. Das Problem sei, dass Tönnies aus Datenschutzgründen gar keine Kenntnis von den Wohnadressen der Beschäftigten von Subunternehmen haben dürfe. Bekannt seien lediglich Vor- und Nachname, Geschlecht und Geburtsdatum dieser Arbeiter.

Das Unternehmen betonte, dass Subunternehmen sofort aufgefordert worden seien, die Adressen weiterzugeben, doch einige hätten datenschutzrechtliche Bedenken gehabt. Darum habe man zunächst eine behördliche Anordnung erbeten und schließlich auch erhalten.

Einen Rücktritt schloss Tönnies aus. Er werde sein Unternehmen und die Mitarbeiter nicht im Stich lassen, sondern aus der Krise führen. "So werden wir nicht weitermachen. Wir werden die Branche verändern", sagte er.

Quarantänezone in Verl

Wichtiges Thema bleibt die Einhaltung der Quarantäne durch die infizierten Mitarbeiter. Die Stadt Verl im Landkreis Gütersloh hatte am Samstag in einem Stadtteil eine Quarantänezone eingerichtet. Mehrere Mehrfamilienhäuser, in denen Werkvertragsarbeiter der Firma Tönnies untergebracht sind, wurden unter Quarantäne gestellt - auch wenn sie nicht zu den Tönnies-Beschäftigten gehören. Der gesamte Bereich wurde mit Bauzäunen abgeriegelt. In den betroffenen Häusern leben in drei Straßenzügen insgesamt knapp 670 Menschen.

Polizisten erreichten einen Bauzaun in der Stadt Verl | dpa

Mitglieder der Feuerwehr bauten am Samstagabend Bauzäune im Verler Stadtteil Sürenheide auf. Bild: dpa

Ein Teil der Infizierten stammt aus Bulgarien oder Rumänien. Der Deutsche Städte- und Gemeindebund warnte vor möglichen sozialen Konflikten. "Wir dürfen Menschen nicht diskriminieren oder benachteiligen, die zum Beispiel im Niedriglohnbereich unter schlechten Wohnverhältnissen die preiswerte Fleischproduktion in bestimmten Betrieben gewährleistet haben", sagte Hauptgeschäftsführer Gerd Landsberg den Zeitungen der Funke Mediengruppe.

Landsberg betonte, man dürfe Menschen, die in beengten Verhältnissen wohnen, keinen Vorwurf machen, weil es dort eher zu Infektionen kommen kann. Hier seien insbesondere die Betriebe gefordert, nicht nur für anständige Löhne und Arbeitsbedingungen zu sorgen, sondern insbesondere auch für Wohnverhältnisse, in denen ausreichende Hygienestandards gewährleistet werden können.

Hofreiter ruft Supermärkte zu Boykott auf

Grünen-Fraktionschef Anton Hofreiter rief die Supermärkte zu einem Boykott von Tönnies-Produkten auf. "Das Gebaren der Fleischbarone, die nur auf Profit setzen und meinen, sich an keine Regeln halten zu müssen, ist ein Skandal", sagte Hofreiter der "Bild am Sonntag". Es sei an der Zeit, dass sich die großen Supermarktketten "nicht länger mitschuldig machen". "Sie sollten die Tönnies-Produkte aus ihrem Angebot nehmen."

Ausbeutung von Osteuropäern soll enden

Bundesarbeitsminister Hubertus Heil sagte dem "Tagesspiegel am Sonntag", rücksichtsloses Wirtschaften sei nicht mehr zu akzeptieren "Es kann nicht sein, dass Menschen aus Mittel- und Osteuropa in Deutschland ausgebeutet werden, damit skrupellose Firmen milliardenschwere Gewinne einfahren."

Heil will im Sommer einen Gesetzentwurf vorlegen, um von 2021 an Werkverträge in der Branche weitgehend zu verbieten. Dann könnte die komplette Ausführung von Schlachtarbeiten nicht mehr an Subunternehmen ausgelagert werden.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 21. Juni 2020 um 10:00 Uhr.