Verdächtige werden von der Polizei zum Bundesgerichtshof gebracht | Bildquelle: REUTERS

V-Mann in rechter Terrorzelle Ein Sanitäter unter Attentätern?

Stand: 24.02.2020 16:16 Uhr

Für die Ermittler war er Hinweisgeber, Auge und Ohr in der "Gruppe S." mutmaßlicher Rechtsterroristen. Das Leben des V-Manns in der "Gruppe S." war alles andere als gradlinig - und wirft Fragen auf.

Von Holger Schmidt, ARD Terrorismusexperte

Sein Leben sei nicht gut gelaufen, sagt Maik P. immer wieder zu den Ermittlern. Und er scheut sich nicht, zahlreiche Beispiele zu geben. Wie er als Erwachsener mehrfach ins Gefängnis kam - unter anderem wegen Geiselnahme. Wie er als Kind erst geschlagen und dann verstoßen wurde. Wie er Autos demolierte, Mercedessterne sammelte oder bei Baumaschinen mit Steinen die Scheiben zerstörte. Zurückhaltend ist er nicht. Ganz im Gegenteil, sein Mitteilungsbedürfnis ist bemerkenswert.

Nachdem er in einer rechtsextremen Chatgruppe im Internet Kontakt zu einem Mann mit dem Aliasnamen "Teutonico" bekommt, der immer radikalere Ansichten vertritt, sei ihm die Sache irgendwann unheimlich geworden, berichtet P. "Teutonico" habe kampfbereite Patrioten gesucht und scheine wild und zu allem entschlossen zu sein.

Der Generalbundesanwalt hält "Teutonico" inzwischen für den Anführer der "Gruppe S.". Sein Ermittlungsverfahren gegen eine mutmaßliche rechte Terrorgruppe basiert maßgeblich auf den Aussagen des Spitzels P. sowie auf Observationen und Telefonüberwachung, die durch die Hinweise von P. möglich wurden.

Vergebliche E-Mail an den Verfassungsschutz

Als ihm der Kontakt zu "Teutonico" im Herbst 2019 zu heiß wird, schreibt P. zunächst eine E-Mail an das Bundesamt für Verfassungsschutz, erzählt er später den Ermittlern. In der E-Mail habe er vor einer Gruppe gewarnt, die einen Anschlag plane. Doch er habe sechs Wochen lang keine Antwort bekommen.

Dann habe er versucht, auf verschiedenen Polizeirevieren seine Hinweise loszuwerden. In Bayern, Hessen und Baden-Württemberg. Erst im Ländle, auf einer schwäbischen Dienststelle, nimmt man ihn ernst - vielleicht auch, weil er seine E-Mail an den Verfassungsschutz erwähnt.

Das Polizeirevier vermittelt einen Kontakt zum Landeskriminalamt. Nun meldet sich auch der Verfassungsschutz telefonisch und entschuldigt sich - man sei erst jetzt dazu gekommen, die E-Mail zu lesen.

Currywurst mit Met

Der Kontakt zwischen P. und dem Landeskriminalamt wird sehr schnell sehr intensiv. Er bekommt einen persönlichen Ansprechpartner, mit dem er immer wieder telefoniert - oder heimlich trifft. Bei diesen Gelegenheiten erzählt er, was er in der Gruppe mitbekommt und wie er die Leute einschätzt. Es geht um Gewaltphantasien, Geldsammlungen, Waffenbeschaffung und Eierhandgranaten. Aber auch um Currywurst und selbstgebrauter Met - mittelalterlicher Wein auf Honigbasis.

Die Schilderungen von P. sind manchmal wirr, seine Gedankensprünge sind beachtlich. Die LKA-Ermittler versuchen, mit seinen Gedanken Schritt zu halten - wahrscheinlich schon mit Blick auf einen Prozess, werden die Gespräche auch auf Video aufgenommen. Oder für den Fall, dass P. dann nicht mehr am Leben ist.

Denn um seine Gesundheit steht es nicht gut, sagt er selbst. Immer wieder plagen ihn schwere Hustenanfälle, auch die Ermittler bekommen das mit. Teilweise seien sie so schlimm, dass er kurz das Bewusstsein verliere, sagt er selbst. Bei einem Treffen mit der Polizei erzählt er, dass er am gleichen Morgen schon eine Begegnung mit Notarzt und Rettungsdienst hatte. Mal wieder - in diesem Metier kennt er sich aus, früher war er selbst Sanitäter, dann in Haft, dann arbeitslos.

 Sein Freund, der AfD-Polizist

Erstaunlich ist seine Begründung, warum er mit den Sicherheitsbehörden zusammenarbeitet. Denn eigentlich versteht er die Wut, die in der Gruppe über die politischen Verhältnisse in Deutschland herrscht - und teilt manche Positionen. Doch ein Politiker der AfD habe ihm die Augen geöffnet. Seitdem habe er einen anderen Eindruck von der Polizei.

Es geht um Nikolaus P., einen früheren Polizeihauptkommissar aus dem hessischen Landkreis Gießen. 2018 wurde er in das hessische Parlament gewählt, starb allerdings Anfang 2019 nach kurzer schwerer Krankheit noch vor der Konstituierung des Landtags.

Maik P. will ihn in dessen Zeit als Polizist im hessischen Grünberg kennengelernt haben. Er sei der erste gewesen, der ihn verstanden habe und durch den er Respekt für die Arbeit der Polizei bekommen habe, erzählt P. den Ermittlern. Dabei ergänzt er seine Geschichte mit einem persönlichen Detail aus der Familie P.: Er kenne auch dessen Sohn, der sei ebenfalls bei der Polizei und als erster Polizist am Tatort gewesen, als im Sommer 2019 ein psychisch kranker Eritreer ein Kind vor einen Zug stieß.

Wie glaubhaft ist der Spitzel?

Es sind Momente wie dieser, die die Erzählungen des V-Mannes wie ein Märchen klingen lassen. Doch eine ARD-Recherche ergab: Tatsächlich scheint der Sohn des Politikers in den damaligen Einsatz am Frankfurter Hauptbahnhof eingebunden gewesen zu sein. Ist der schillernde V-Mann also eine verlässliche Quelle?

Für die Ermittler klangen seine Angaben glaubhaft. Schon Wochen, bevor die "Gruppe S." von der Polizei ausgehoben wurde, sprach die Polizei mit ihm über Zeugenschutzmaßnahmen. Maik P. interessierte sich sehr dafür, ob ihm auch die zuständige Bundesanwältin glaube und er mit einer geringen Strafe rechnen könne. Die Ermittler erklärten ihm, zunächst werde der Generalbundesanwalt die umfangreiche Aussage prüfen. Das könne dauern.

Über dieses Thema berichtete WDR Westpol am 23.02.2020.

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Holger Schmidt, SWR

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