Ein Arzt bei einer Videosprechstunde | Bildquelle: dpa

Arztbesuch per Videochat Warum es bei der Telemedizin hakt

Stand: 05.06.2019 16:40 Uhr

Seit einem Jahr ist es auch hierzulande erlaubt, sich nur online oder per Telefon behandeln zu lassen. Ein Ziel ist es, die Versorgung auf dem Land zu verbessern. Warum kommt die Telemedizin trotzdem so langsam voran?

Von Carina Braun, tagesschau.de

Ein Griff zum Handy, ein Gespräch, vielleicht ein kurzer Videochat - und schon lässt sich rasch klären, ob hinter den Bauchschmerzen nicht doch etwas Ernsteres steckt. So könnte Telemedizin konkret und im Idealfall aussehen: Sie soll Arzt und Patienten verbinden, egal wo beide sind.

Auch in Deutschland werden solche Szenarien immer wahrscheinlicher. Denn vor einem Jahr hat der Deutsche Ärztetag das Fernbehandlungsverbot gelockert - seither ist es für Ärzte auch hierzulande möglich, Patienten per Telefon oder Videochat zu behandeln, die sie noch nie zuvor gesehen haben.

In anderen Ländern wie der Schweiz ist das längst Alltag. In Deutschland aber verhinderte auch das aus den 1920er-Jahren stammende Verbot lange den Aufbau telemedizinischer Strukturen. Dabei sehen Befürworter darin große Chancen, um überfüllte Praxen zu entlasten und die Versorgung auf dem Land zu gewährleisten. Auch die Gesundheitsministerkonferenz beschäftigt sich derzeit mit den Ausbau der Telemedizin. Doch die kommt weiter nur schleppend voran.

Probleme bei Abrechnung und E-Rezept

Katharina Jünger von der Teleclinic GmBH, die rund 200 Ärzte per Telefon oder Videochat an Patienten vermittelt, sieht vor allem zwei Probleme. Zwar gebe es eine "riesige Nachfrage", sagt sie, 20.000 Menschen seien auf ihrem Portal angemeldet. Aber noch immer sei die Frage der Abrechnung nicht geregelt. Kassenpatienten werden die Kosten bisher meist nicht erstattet, sie müssen die Behandlung selber zahlen. Und: "Auch digitale Rezepte gibt es bisher nur für Privatpatienten."

Positive Rückmeldungen aus Baden-Württemberg

Beim Modellversuch "Docdirekt" der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg (KVBW) ist man da schon einen Schritt weiter. Seit April 2018 läuft das Projekt, rund 40 niedergelassene Haus- und Kinderärzte nehmen daran teil. Der große Vorteil: Die Abrechnung über die Krankenkassen ist geklärt und läuft automatisiert über ein eigenes System - damit ist "Docdirekt" als einziges Projekt für Kassenpatienten kostenfrei.

250 bis 300 Anrufe gehen hier im Monat ein. Die Erfahrungen, sagt KVBW-Sprecher Kai Sonntag, seien durchweg positiv - bei Patienten ebenso wie bei Ärzten. "Viele rufen an, weil sie erst einmal wissen wollen, ob sie überhaupt zu einem Arzt müssen." Besonders häufig nutzten Eltern mit kleinen Kindern das Angebot oder Berufstätige, die kaum Zeit hätten - "aber auch Ältere, die schätzen, dass sie bequem von Zuhause aus anrufen können." Häufig könne der Fall schon durch Fragen abschließend am Telefon bearbeitet werden. Falls nicht, vermittelt die KVBW einen Termin bei einem Haus- oder Facharzt.

Neben Projekten wie "Docdirekt" gibt es schon länger Studien und Netzwerke, für die eine Lockerung des Fernbehandlungsverbotes nicht nötig gewesen wäre - etwa zur Frage, wie der Gesundheitszustand von Patienten auf dem Land aus der Ferne kontrolliert werden kann. Für die "Fontane-Studie" der Charité-Universitätsmedizin Berlin wurden Herzschwäche-Patienten mit Messgeräten versehen, welche die Werte über ein Tablet automatisch an die Fachärzte übertrugen. Die Bilanz: Dank telemedizinischer Mitbetreuung mussten die Patienten weniger Tage im Krankenhaus verbringen und lebten länger.

Eine Art "erste Hilfe"

Die Frage bleibt jedoch, wie telemedizinische Angebote breit nutzbar gemacht werden könnten. Der Aufbau eines Angebots dauere, sagt KVBW-Sprecher Sonntag: "Man muss erst die Strukturen schaffen. Wie kann man das abrechnen, welche Vereinbarungen muss man mit den Krankenkassen schließen, wie klärt man Datenschutzfragen?" Eineinhalb Jahre habe das bei "Docdirekt" gedauert.

Für Vorstandssprecher Sebastian Vorberg vom Bundesverband Internetmedizin, der die Lockerung des Fernbehandlungsverbotes mit initiiert hat, ist "Docdirekt" ein Paradebeispiel, wie Telemedizin funktionieren könnte - als eine Art "erste Hilfe", um langen Terminwartezeiten und überfüllten Wartezimmern vorzubeugen. Vorberg bemängelt in Deutschland aber fehlende Strukturen und Aufklärung, vor allem von Seiten der Kassenärztlichen Vereinigungen. Kaum ein Patient wisse, dass es neue Möglichkeiten gebe - "und eine reizvolle Vergütung haben wir auch nicht".

Viele Bedenken

Zumindest eines der Hindernisse soll bald aus dem Weg geräumt sein: Das Bundesgesundheitsministerium plant, das E-Rezept bis 2020 auf den Weg zu bringen. Doch auch wenn die bürokratischen Hürden künftig abgebaut werden, bleiben Probleme. Gerade älteren Patienten könnte die Technik zu kompliziert sein, in manchen Regionen ist die Internetverbindung unsicher - ein Teleclinic-Projekt in Niedersachsen konnte wegen der Internetprobleme nicht realisiert werden.

Dazu kommt, dass die Lockerung des Fernbehandlungsverbots unter Medizinern heftig umstritten war. Dass ein Gespräch über die Distanz den traditionellen Arztbesuch nicht ersetzen, sonder nur ergänzen kann, bestreitet kaum jemand. Viele Ärzte fürchten aber auch, dass Standards verwässert und vorrangig kommerziellen Anbietern Tür und Tor geöffnet werden. Tatsächlich hat die Lockerung des Fernbehandlungsverbotes Begehrlichkeiten geweckt. So wirbt das umstrittene Hamburger StartUp "AU-Schein" bereits mit schnellen Krankschreibungen übers Handy.

Die Hoffnung: Kapazitäten schaffen

KVBW-Sprecher Sonntag glaubt trotz aller Bedenken, dass die Telemedizin als Ergänzung einen Beitrag für eine bessere medizinische Versorgung leisten kann. "Den Arzt vor Ort wird sie nicht ersetzen können", sagt zwar auch er. Gerade bei sensiblen oder schweren Krankheiten sei das Vertrauensverhältnis wichtig.

Man habe aber die Hoffnung, zusätzliche Kapazitäten zu schaffen, indem Ärzte, die nicht fest in einer Praxis arbeiten, ein paar Stunden pro Woche am Telefon leisten könnten - junge Mütter oder Ruheständler etwa. Als mögliche Idealvorstellung für die Zukunft formuliert er: "Dass in den Wartezimmern nur noch Patienten sind, die auch wirklich den unmittelbaren Kontakt brauchen."

Über dieses Thema berichtete MDR AKTUELL RADIO am 05. Juni 2019 um 05:00 Uhr.

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