Bohrstelle von Coca-Cola | Björn Ahrend
Reportage

tagesthemen mittendrin Protest gegen Coca-Cola-Brunnen

Stand: 14.08.2020 04:36 Uhr

In der Region Lüneburg will Coca-Cola doppelt so viel Grundwasser für seine Getränkeproduktion fördern wie bisher - und bohrt einen weiteren Brunnen. Bürgerinitiativen und Gemeinden kritisieren das Vorhaben.

Von Björn Ahrend, NDR

Es ist der dritte Sommer mit Hitze und Trockenheit in Folge, mancherorts gibt es Versorgungsprobleme mit Trinkwasser. Und in der Region Lüneburg bohrt Coca-Cola einen Brunnen, um doppelt soviel Grundwasser zu fördern wie bisher.

Einer Bürgerinitiative, die sich dagegen wehrt, haben sich inzwischen nach eigenen Angaben mehr als 100 Menschen angeschlossen.

Sie eint die Sorge, dass zukünftig nicht mehr genug Grundwasser vorhanden sein könnte - für die Trinkwasserversorgung der Bevölkerung, aber auch für Landwirte, die ihre Felder beregnen müssen.

"Kostbares Gut bewahren"

"Wir sind die erste Generation, die die Auswirkungen des Klimawandels sieht, und fühlen uns verpflichtet, etwas zu tun, um das kostbare Gut Grundwasser zu bewahren", sagt Cornelia Höllger, eine der beiden Gründerinnen der Bürgerinitiative.

Abfüllstation von Coca Cola in Lüneburg | Björn Ahrend

Seit 2007 pumpt Coca-Cola in Lüneburg Wasser aus 200 Metern Tiefe und verkauft es als Mineralwasser. Bild: Björn Ahrend

Coca-Cola fördert in Lüneburg Grundwasser aus 200 Metern Tiefe. Es hat in der Region eine hervorragende Qualität, weil mächtige Deckschichten, beispielsweise aus Ton, das Wasser von äußeren Einflüssen abschirmen. 2007 stieg Coca-Cola an seinem Standort Lüneburg ins Mineralwassergeschäft ein. "Unsere Marke Vio wächst, die Nachfrage steigt", erklärt Dieter Reckermann, der das Brunnenprojekt leitet.

Dieter Reckermann | Björn Ahrend

Für weiteres Wachstum am Standort sei der dritte Brunnen notwendig, sagt Dieter Reckermann. Bild: Björn Ahrend

Anlage laut Unternehmen nicht ausgelastet

Bislang fördert Coca-Cola in Lüneburg an zwei Orten im Stadtgebiet Grundwasser - bislang 350 Millionen Liter pro Jahr. Man habe in den vergangenen Jahren Millionen Euro in den Ausbau des Standorts investiert, die Anlagen seien aber nicht ausgelastet, heißt es von Coca-Cola. Am liebsten würde man zukünftig gerne 700 Millionen Liter pumpen.

Bohrungen in Reppenstedt laufen bereits

Den Standort für den dafür benötigten dritten Brunnen glaubt Coca-Cola in der Nachbargemeinde Reppenstedt gefunden zu haben. Ende Juli hat das Unternehmen begonnen, dort den Brunnen zu errichten. Genehmigt hat die Wasserbehörde des Landkreises, dass im Herbst einmalig 118 Millionen Liter Wasser aus der Erde geholt werden dürfen, ein sogenannter Pumpversuch.

Die Bürgerinitiative kritisiert, dass durch den Bau bereits Tatsachen geschaffen würden, noch bevor entschieden ist, ob an dem Standort langfristig gefördert werden darf. Sie bezweifeln zudem, ob das Gutachten, in das die Ergebnisse des Pumpversuchs einfließen sollen, wirklich unabhängig ist - denn das Gutachten muss Coca-Cola als Antragsteller vorlegen.

Landrat Jens Böther (CDU) | Björn Ahrend

Der Landkreis hat die Bohrung des Brunnens genehmigt, weil der Pumpversuch Ergebnisse liefert, die Berechnungen nicht erbringen könnten. Bild: Björn Ahrend

Streit um Gutachten bahnt sich an

Silke Rogge (SPD), die Gemeindebürgermeisterin von Vögelsen, einer nah gelegenen Ortschaft, sagt: "Viele Menschen misstrauen Coca-Cola und denken, dass die Hydrogeologen, die die Daten auswerten, dann nur für den Konzern arbeiten." Sie selbst sieht das anders, hat sich aber trotzdem einer Resolution mehrerer Gemeinden angeschlossen, die ein unabhängiges Gutachten im Auftrag des Landkreises fordert.

Coca-Cola hält der Kritik entgegen, dass sich jedes Jahr in der Tiefe ein Vielfaches an Grundwasser von der Menge neu bilde, die man zukünftig entnehmen möchte.

Silke Rogge (SPD), die Gemeindebürgermeisterin von Vögelsen | Björn Ahrend

Silke Rogge (SPD), die Gemeindebürgermeisterin von Vögelsen, hat in den vergangenen vier Jahren viel über das Misstrauen der Bürger gegenüber Behörden und Unternehmen gelernt. Bild: Björn Ahrend

Um überprüfen zu können, ob der Pumpversuch am Wunschstandort die Grundwasserstände absacken lässt, hat das Unternehmen mehr als 60 Messstellen angelegt. Dieser Test unter Realbedingungen sei unerlässlich, um belastbare Ergebnisse zu erhalten, erklärt der Lüneburger Landrat Jens Böther (CDU): "Und wenn die Ergebnisse negativ sind, kann das durchaus bedeuten, dass der Brunnen zu verfüllen ist und wieder in den ursprünglichen Zustand herzustellen ist."

Coca-Cola hofft, dass es nicht dazukommt. "Wenn wir die Erlaubnis nicht bekommen, wäre das ein schlechtes Signal für unseren Standort Lüneburg", sagt Dieter Reckermann.

Bettina Schröder-Henning von der Bürgerinitiative "Unser Wasser" | Björn Ahrend

Bettina Schröder-Henning von der Bürgerinitiative "Unser Wasser" hofft, Coca-Cola doch noch stoppen zu können. Bild: Björn Ahrend

Die Bürgerinitiative wiederum bereitet eine Demonstration Ende August in der Lüneburger Innenstadt vor. "Die entscheidende Frage ist, ob Coca-Cola in den regulären Pumpbetrieb gehen darf. Da hoffen wir, über die Politik noch Einfluss nehmen zu können", sagt Bettina Schröder-Henning von der Bürgerinitiative "Unser Wasser". Der Streit ums Grundwasser wird sich also noch länger hinziehen.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 14. August 2020 um 21:45 Uhr.