Die Gischt der Nordsee spritzt auf die überflutete Mole des Fähranlegers in Dagebüll.  | dpa

Sturmtief über Deutschland Wirbelstürme, Orkanböen und Sturmflut

Stand: 21.10.2021 20:04 Uhr

Die Sturmtiefs "Ignatz" und "Hendrik" haben ordentlich Chaos angerichtet: Der Bahnverkehr ist in vielen Bundesländern eingeschränkt, ein Wirbelsturm richtete schwere Schäden an. Auch Deutschlands Nachbarländer sind betroffen.

Das Sturmtief über Deutschland hat zu starken Einschränkungen im Bahnverkehr geführt. In Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt sei der Zugverkehr der DB Regio bis auf Weiteres eingestellt, teilte die Deutsche Bahn mit. Dagegen laufe der Fernverkehr unter erschwerten Bedingungen weiter. Am Nachmittag rollten die Züge langsam wieder an. "Bis sich der Verkehr normalisiert hat, dauert es noch. Aber wir fahren wieder", sagte ein Bahn-Sprecher.

Deutschlandweit sei weiterhin mit Verspätungen und Zugausfällen zu rechnen. Besonders das Saarland, Hessen, Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg und Bayern seien davon betroffen. Die Bahn riet, sich vor Fahrtantritt zu informieren. Wer seine für heute geplante Reise verschieben wolle, könne bereits gebuchte Fernverkehrstickets bis eine Woche nach Störungsende flexibel nutzen.

Fernverkehr in NRW läuft wieder an

In Nordrhein-Westfalen war der Fernverkehr vorübergehend komplett eingestellt worden. Erst nach mehr als drei Stunden rollten ab dem Nachmittag wieder Schnellzüge auf den wichtigen Strecken von Hamburg oder Berlin. Die Aufräumarbeiten auf der Strecke Düsseldorf-Köln dauerten an, auch sei die ICE-Strecke nach Wuppertal noch nicht befahrbar, sagte ein Bahn-Sprecher. Der Sturm hatte seit der Nacht Äste und Bäume auf Gleise oder in Oberleitungen geweht.

Wirbelsturm hinterlässt "Schneise der Verwüstung"

In Schwentinental bei Kiel richtete ein Wirbelsturm schwere Schäden an. Feuerwehr-Einsatzleiter Kai Lässig berichtete, er habe den Rüssel des Wirbelsturms selbst gesehen. Der Sturm habe im Ort eine "Schneise der Verwüstung" auf etwa 100 Metern Breite hinterlassen.

Ob der Deutsche Wetterdienst (DWD) den Sturm als Tornado einstuft, werde geprüft, wenn Meldungen dazu eingegangen seien, sagte ein Sprecher. Mehrere Häuser seien schwer beschädigt worden, berichtete Lässig weiter. Bäume seien umgestürzt und hätten Autos unter sich begraben. Verletzte gab es nach seinen Angaben nicht.

Auch an anderen Orten in Schleswig-Holstein wehte der Sturm Bäume um. Nach Angaben des DWD gehörte Schleswig-Holstein allerdings zu den Bundesländern mit den geringsten Windgeschwindigkeiten in Deutschland. Die stärkste Böe wurde in Travemünde mit 89 Kilometern pro Stunde gemessen.

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Herbststurm "Ignatz" fegt über Deutschland hinweg

Umgestürzte Bäume sorgen für zahlreiche Einsätze

Vielerorts rückten die Feuerwehren wegen umgestürzter Bäume, herabgefallener Äste und Teile von Dächern aus. In Völkersbach in Baden-Württemberg fiel ein Baum an einem Waldrand auf einen 64-Jährigen und verletzte ihn lebensgefährlich, wie die Polizei berichtete. Im Bonner Stadtbezirk Bad Godesberg kollidierte in der Nacht ein Güterzug mit einem herabgefallenen Ast auf dem Gleis. In Düsseldorf rückte die Feuerwehr meist wegen loser Äste, umgekippter Bäume oder Absperrungen an Baustellen aus.

Die Berliner Feuerwehr rief den "Ausnahmezustand Wetter" aus. Seit dem Morgen habe es bereits Dutzende wetterbedingte Einsätze gegeben. In Hamburg stürzten zwei etwa 15 Meter hohe Bäume auf ein Auto und ein vierstöckiges Mehrfamilienhaus. Verletzt wurde dabei niemand. In Bayern verursachte der Sturm ebenfalls Schäden. Die Polizei meldete Dutzende Einsätze. Teilweise kam es auch zu Stromausfällen. Auch aus anderen Bundesländern meldeten Energieversorger Stromausfälle durch beschädigte Leitungen.

Passagierschiff kollidiert mit Brückenpfeiler

In mehreren Orten in der Pfalz sowie in Koblenz fiel am Vormittag der Strom aus. Auf der Mosel bei Koblenz wurde ein Passagierschiff durch eine starke Böe gegen einen Brückenpfeiler gedrückt und beschädigt. Auch die Brücke wurde in Mitleidenschaft gezogen, wie die Polizei der rheinland-pfälzischen Stadt mitteilte. Das Schiff konnte demnach aber weiterfahren, von Verletzten wurde nichts berichtet.

In Thüringen wurden zahlreiche Einrichtungen wie der Zoopark Erfurt und der Tierpark Suhl geschlossen. Auch städtischen Friedhöfe in Erfurt wurden geschlossen, sodass geplante Bestattungen und Trauerfeiern ausfielen. Im Harz kippten zahlreiche Bäume um und versperrten auch einige Straßen, wie der Nationalpark und die Polizei mitteilten.

Hamburger Fischmarkt unter Wasser

Die Sturmflut setzte am frühen Abend in Hamburg den Fischmarkt im Stadtteil St. Pauli unter Wasser. Der Wasserstand lag bei 1,70 Meter über dem mittleren Hochwasser, wie eine Sprecherin des Bundesamts für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH), sagte. Zahlreiche Schaulustige waren am Hafen, um sich das Hochwasser anzusehen. Weitere Sturmfluten am Freitag werden nicht ausgeschlossen.

Hamburger Fischmarkt | dpa

Wasserpfützen stehen auf dem Pflaster des Hamburger Fischmarkts.  Bild: dpa

Nach Angaben des DWD sollen am Freitag noch stürmische Böen durch den Norden fegen, auch Schauer und Gewitter seien möglich, während sich das Wetter ansonsten beruhige. Im Süden werde es in einem breiten Streifen vom Schwarzwald bis nach Ostbayern länger sonnig, bei Höchstwerten zwischen 8 und 13 Grad aber kühler als an den Vortagen. An den Küsten und in einigen Hochlagen müsse noch mit schweren Sturmböen gerechnet werden.

Mindestens zwei Verletzte in Tschechien

Auch Deutschlands Nachbarländer wurden von Unwettern heimgesucht. In Tschechien sorgte ein heftiger Sturm für Sachschäden und Verkehrsbehinderungen. Die Feuerwehren rückten zu Hunderten Einsätzen aus, um umgestürzte Bäume von Straßen und Autos zu räumen. Mindestens zwei Autoinsassen wurden eingeklemmt und schwer verletzt. Dächer wurden von Häusern gerissen. Mehr als 60.000 Haushalte waren aufgrund beschädigter Freileitungen vorübergehend ohne Strom.

Im Bahnverkehr kam es landesweit zu erheblichen Verspätungen und Zugausfällen. Mehrere Züge fuhren in entwurzelte Bäume, darunter ein Expresszug aus Prag in Richtung München. Bei diesen Unfällen wurden keine Verletzten gemeldet.

Tote in Polen, schwere Schäden in den Niederlanden

In Polen gaben die Wetterbehörden für fast alle Regionen des Landes eine Sturmwarnung aus. Besonders betroffen war die Region Niederschlesien. In Breslau sei ein Baum auf ein Auto gestürzt, teilte die Feuerwehr mit. Zwei Insassen seien dabei ums Leben gekommen. Zudem sei ein Mensch wegen des Sturms mit einem Kleinbus von der Straße abgekommen und verunglückt. Ein Bauarbeiter starb den Angaben zufolge, als auf einer Baustelle eine Mauer einstürzte.

In den Niederlanden verursachten Sturmböen schwere Schäden. Mindestens vier Menschen wurden etwa durch herabfallende Dachziegel und entwurzelte Bäume leicht verletzt, wie die Behörden mitteilten. Der Amsterdamer Flughafen Schiphol meldete, dass Flüge gestrichen werden mussten. Passagiere müssten mit großen Verspätungen rechnen. Auch der Zugverkehr wurde durch das Sturmtief beeinträchtigt.

Auf einem Campingplatz in Zelhem im Osten des Landes nahe der deutschen Grenze waren Bäume auf Wohnwagen und Ferienhäuser gefallen. Menschen wurden nicht verletzt, wie ein Mitarbeiter des Campingplatzes im Radio sagte. In der Nacht hatte es auch Schäden in einem Wohnviertel in Barendrecht bei Rotterdam gegeben. Schuppen waren eingestürzt und Dachziegel herabgefallen. Drei Personen waren leicht verletzt worden.

250.000 Haushalte in Frankreich ohne Strom

In Nordfrankreich verursachte ein Sturm Störungen im Verkehr und bei der Stromversorgung. Etwa 250.000 Haushalte seien ohne Strom, schrieb Netzbetreiber Enedis auf Twitter. Allein in der Normandie waren demnach 80.000 Haushalte betroffen. Im Norden und Nordwesten des Landes kam es teils zu massiven Zugausfällen.

Auch in der Region um Paris herum war der Verkehr eingeschränkt. Die Sturmböen waren laut Météo France mit bis zu 175 Kilometern pro Stunde über das Land gezogen. Am Morgen galt noch für drei Départements im Nordosten die Warnstufe Orange.

Über dieses Thema berichteten am 21. Oktober 2021 tagesschau24 um 09:30 Uhr sowie um 14:00 Uhr und die tagesschau u.a. um 12:00 Uhr.