Kinder der Kita Wühlmäuse spielen im Wald mit einem Anhänger, Preetz/Schleswig-Holstein. | dpa

Charité-Studie zu Covid-19 Was Kinder vor schweren Verläufen schützen könnte

Stand: 18.08.2021 15:57 Uhr

Kinder infizieren sich ebenso mit dem Coronavirus wie Erwachsene, haben aber viel seltener mit schweren Verläufen zu kämpfen. Wissenschaftler haben nun möglicherweise einen Grund dafür gefunden: Es könnte an der Immunabwehr der oberen Atemwege liegen.

Schon von Beginn der Pandemie an zeichnete sich ab: Kinder stecken eine Infektion mit dem Coronavirus meist viel besser weg als Erwachsene, sie erkranken weitaus seltener schwer an Covid-19. Während vorerkrankte Menschen sowie Ältere mitunter um ihr Leben kämpfen müssen, haben Kinder oft nicht einmal Symptome.

Dieses Phänomen gab Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen lange Rätsel auf - jetzt hat ein Forschungsteam einen möglichen Grund dafür gefunden: Demnach ist das Immunsystem bei Kindern in den oberen Atemwegen deutlich aktiver als bei älteren Menschen und damit wohl besser gewappnet für die Abwehr des Virus. Der "Spiegel" berichtete zuerst darüber.

Immunsystem von Kindern "in ständiger Alarmbereitschaft"

Kinder rücken derzeit wieder besonders in den Fokus, weil zumindest alle unter zwölf Jahren nach wie vor nicht durch eine Impfung geschützt werden können - gleichzeitig aber in mehr und mehr Bundesländern die Schule wieder beginnt oder schon begonnen hat. "Wir wollten verstehen, warum die Virusabwehr bei Kindern offenbar so viel besser funktioniert als bei Erwachsenen", erklärt Professorin Irina Lehmann, Leiterin der AG Molekulare Epidemiologie am BIH.

Und so sammelte das Team Proben aus der Nasenschleimhaut von gesunden und von mit SARS-CoV-2 infizierten Kindern und Erwachsenen und untersuchte die Krankheitsverläufe. Der Vergleich der von den 42 gesunden und infizierten Kindern sowie 44 Erwachsenen gewonnen Zellen zeigte ein überraschendes Ergebnis: Die Abwehrzellen der Nasenschleimhaut von gesunden Kindern sind quasi ständig in erhöhter Alarmbereitschaft - auch ohne eine akute Infektion. Dadurch schaffen sie es offenbar häufig, SARS-CoV-2 abzuwehren, bevor es in die tieferen Atemwege vordringen kann.

Um Viren schnell bekämpfen zu können, müssen sogenannte Mustererkennungsrezeptoren aktiviert werden, erläutern die Forschenden. Genau dieses System war bei den Kindern in den Zellen der oberen Atemwege und in bestimmten Zellen des Immunsystems aktiver als bei den Erwachsenen, zeigten die Analysen. Infiziert ein Virus die Zelle, bildet der Körper den Botenstoff Interferon, welcher die Bekämpfung des Virus einleitet. Bei Erwachsenen werde das Frühwarnsystem überrumpelt, das Virus wird nicht so effektiv bekämpft und kann sich stärker ausbreiten.

Erkenntnisse für Behandlung Erwachsener

Die Erkenntnisse der Forscher und Forscherinnen könnten laut Mitautorin Irina Lehmann in der Zukunft der Pandemie eine Rolle spielen: "Wir haben aus dieser Studie gelernt, dass es offensichtlich nicht nur Risikofaktoren für schwere COVID-19-Verläufe gibt, sondern auch schützende Faktoren." Man könne nun darüber nachdenken, inwieweit sich eine derartige Immunantwort bereits vor einer Infektion gezielt anstoßen lasse - um "so möglicherweise Risikopatienten vor einer schweren Erkrankung zu schützen". Das kann den Forschenden zufolge etwa in Form eines Nasensprays passieren - allerdings sei das noch "Zukunftsmusik".

Das Team aus Forschenden des Berlin Institute of Health in der Charité (BIH), der Charité-Universitätsmedizin Berlin, des Universitätsklinikums in Leipzig sowie des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) in Heidelberg hat seine Ergebnisse im Fachjournal Nature Biotechnology veröffentlicht.

Über dieses Thema berichtete rbb Inforadio am 16. August 2021 um 07:05 Uhr.