Pegida-Demonstration in Dresden

Vorurteile in Deutschland Der unüberbrückbare Spalt

Stand: 21.11.2016 11:02 Uhr

Die "Mitte-Studie" untersucht seit 2002 die Radikalisierung der Gesellschaft. In der diesjährigen Untersuchung stellen die Forscher fest: Durch Deutschland zieht sich ein unüberbrückbarer Spalt. Besorgniserregend sei vor allem eine Minderheit, die zu Gewalt neige.

Von Patrick Gensing, tagesschau.de

Mit der "Mitte-Studie" der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung untersuchen Forscher seit 14 Jahren, wie weit in Deutschland Vorurteile verbreitet sind. Abgefragt werden in aufwändigen Erhebungen Phänomene wie Rassismus, Antisemitismus, Sexismus, Antiziganismus (Anm. d. Red.: Herabwürdigung von Sinti oder Roma) oder auch Abwertung von behinderten Menschen.

Die Forscher kommen in der aktuellen Studie, die heute in Berlin vorgestellt wurde, zu zwei zentralen Ergebnissen: Die Zustimmung zu Vorurteilen ist in den vergangenen Jahren insgesamt zurückgegangen - allerdings stellen die Wissenschaftler eine zunehmende Polarisierung  der Gesellschaft fest. So gebe es eine gefestigte und sich radikalisierende Minderheit, die "sich von demokratischen Diskursen entkoppelt hat, feindselig denkt und verstärkt auch feindselig handelt". 

Insbesondere die gesellschaftliche Mitte sei gespalten, dort würden sowohl Meinungen vertreten, "die Gleichwertigkeit als Grundfeste der Demokratie betrachten, als auch menschenfeindliche Einstellungen, die diese Grundfeste in Frage stellen und gefährden", warnen die Forscher. Es sei "ein tiefer Spalt entstanden, der derzeit kaum überbrückbar zu sein scheint".

Schüler in Hamburg während eines Friedensmarsches | Bildquelle: dpa
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Die Zustimmung zu Vorurteilen ist in den vergangenen Jahren insgesamt zurückgegangen. Doch den "Fairplayern" steht eine radikale Minderheit gegenüber.

Medien bieten Populisten großes Forum

Dieser grundlegende Konflikt zwischen mehr oder weniger Offenheit, Liberalität und Gleichwertigkeit münde auf der Straße in Gewalt - insbesondere in Deutschland, betonen die Wissenschaftler: In keinem anderen Land hätten so viele Asylunterkünfte gebrannt. Zudem seien die sozialen Medien "voller Hass" - und auch die seriösen Medien forcierten "nicht selten eine unkritische, unreflektierte Übernahme und Weitergabe von Bedrohungsrhetorik durch die Verwendung von dramatischen Bildern und Begrifflichkeiten".

Zudem profitierten Populisten davon, dass seriöse Medien ihnen oft ein Forum böten. Damit werde die Strategie der Neuen Rechten befördert, "Positionen, die vormals von allen als eindeutig undemokratisch und rechtsextrem verstanden wurden, nun als eine legitime Möglichkeit im Meinungsspektrum anzusiedeln", kritisieren die Forscher. Den Zuschauer erreiche "zur besten Sendezeit menschenfeindliche und antidemokratische Botschaften, die ihm geadelt und abgesegnet durch die seriös erscheinende politische Debattenrunde, als offenkundig denk-, sag- und durchführbar erscheinen".

AfD-Anhänger radikalisieren sich

Ausführlich beschäftigt sich die Studie mit der AfD, deren Anhängerschaft nicht nur gewachsen sei, sondern sich - parallel zur Ausrichtung der Partei - auch radikalisiert habe. Die AfD versuche, sich als realpolitischer Machtfaktor eines rechten Kulturkampfes gegen die liberale multikulturelle Einwanderungsgesellschaft in Frontstellung zu bringen - als eine "Alternative gegenüber den Blockparteien und dem links-rot versifften 68er-Deutschland", wie es Brandenburgs AfD-Vorsitzender Alexander Gauland in drastischer Wortwahl zum Ausdruck gebracht habe.

Im Aufruf zum nationalen "Widerstand" verschwimmen der Studie zufolge die Grenzen zwischen Nationalkonservatismus, Rechtspopulismus und Rechtsextremismus. Die AfD habe sich dabei "zu einem parteipolitischen Dach neurechter und rassistischer Protestmilieus entwickelt" und suche die Allianz mit anderen radikal rechten Kräften in Europa sowie außenpolitische Kontakte zum autoritären Putin-Regime. Dieser rechtsautoritäre Machtblock werde immer stärker. "Befeuert von den AfD-Wahlerfolgen wähnen sich die Neuen Rechten im Aufwind und streben eine grundsätzliche Umgestaltung politischer Verhältnisse in Deutschland und Europa unter völkisch-nationalistischen Denkmustern an", heißt es in der Studie weiter.

Anti-Feminismus als gemeinsame Klammer

Eine besondere Bedeutung habe dabei die rechte Anfeindung des Feminismus, stellen die Forscher fest. Die Ablehnung von Feminismus sei sozusagen eine "gemeinsame Klammer" der politischen Rechten.

In der Klientel der AfD scheinen sich laut Studie mittlerweile Vorurteile zur sozialen Norm entwickelt zu haben, das heißt, sie werden gar nicht mehr hinterfragt und zu einer geteilten Realität der Gruppe. Es sei zu erwarten, dass gerade AfD-Anhänger "menschenfeindliche Meinungen gar nicht als Vorurteile und Feindseligkeiten betrachten, sondern als berechtigte politische Anliegen - soweit das nicht schon längst geschehen ist".

"Poor-White-Racism-Effekt"

In den Ergebnissen zeichne sich zudem das ab, was die amerikanische Vorurteilsforschung als einen "Poor-White-Racism-Effekt" bezeichne, schreiben die Wissenschaftler. Unter Befragten aus der schwächsten Einkommensgruppe seien menschenfeindliche Einstellungen durchweg zumindest in der Tendenz weiter verbreitet als unter jenen der Einkommensmitte beziehungsweise Wohlhabenderen. Zudem sei die AfD zunehmend populär bei jungen Männern mit niedrigem Bildungsniveau und ostdeutscher Herkunft. "Die AfD wird vor allem von Männern, Arbeitern und jenen gewählt, die zuvor zu den Nichtwählern zählten", so die Forscher.

Mehrheit ist stolz auf die Demokratie

Die Wissenschaftler diskutieren auch Strategien, um die Spaltung der Gesellschaft zu verkleinern. Hier seien insbesondere neue Konzepte in der politischen Bildung gefragt. Allerdings betonen die Forscher auch immer wieder, dass die angeblich "schweigende Mehrheit" vielmehr eine lautstarke und zunehmend demokratiefeindliche Minderheit ist.

Die große Mehrheit der Bürger sei stolz auf die Demokratie, zeigen die Ergebnisse der Studie. Die Hälfte der Befragten finde es zudem gut, dass Deutschland viele Flüchtlinge aufgenommen habe. Unüberhörbar laut seien allerdings jene, "die die Rechte anderer und die Vielfalt infrage stellten". Die rechtstreue und positive Haltung der Mehrheit der Menschen werde in diesem rechten Getöse hingegen kaum noch wahrgenommen, warnen die Autoren der Studie. Dabei liege hier die Chance, eine neue Identität zu etablieren, die nicht auf Ausgrenzung basiert. Dafür sei es aber nötig, eine demokratische Kultur der Gleichwertigkeit zu stärken, die Vielfalt schätzt und Minderheiten eine Stimme verleihe.

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