Olaf Scholz (l) und Klara Geywitz, Kandidaten-Duo für den SPD-Parteivorsitz, stellen sich in einer Regionalkonferenz den Thüringer SPD-Mitgliedern vor.  | Bildquelle: dpa

SPD-Regionalkonferenzen "Deine Kandidatur hat mich verärgert"

Stand: 12.09.2019 03:08 Uhr

Wer den SPD-Vorsitz will, ist derzeit viel unterwegs. Auf der siebten Regionalkonferenz in Erfurt musste sich vor allem einer immer wieder verteidigen.

Von Kristin Becker, ARD-Hauptstadtstudio

Im Stadion von Erfurt sieht man rot. Schließlich ist das die Hauptfarbe des örtlichen Fußballvereins. Der war mal ein recht erfolgreicher Verein, in den letzten Jahrzehnten ging es allerdings kontinuierlich bergab. Derzeit spielt man in der viertklassigen Regionalliga Nordost, weit entfernt von Erfolgen der Vergangenheit. Dass die SPD ihre Thüringer Regionalkonferenz in einem Veranstaltungsraum des Stadions von Rot-Weiß-Erfurt abhält, könnte daher zu symbolischen Vergleichen anregen. Aber an diesem Abend ist zu spüren, dass der Kampfesgeist der SPD im Moment positiv angeregt ist. Ausgerechnet das umständliche Prozedere rund um die Kandidatenkür für den Parteivorsitz scheint den Genossen gut zu tun.

Johannes Hoffmann ist 21 und seit fünf Jahren in der SPD. Für ihn haben die Regionalkonferenzen zunächst mit einer Enttäuschung begonnen. Der Student hatte ursprünglich auf das bürgermeisterliche Duo Simone Lange und Alexander Ahrens gehofft. Doch das hatte bereits bei der ersten Veranstaltung in Saarbrücken das Handtuch geworfen. Für Hoffmann wird dieser Abend eine kleine Überraschung bringen.

SPD-Kandidaten für den Parteivorsitz | Bildquelle: dpa
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Die SPD-Kandidaten für den Parteivorsitz touren derzeit durch Deutschland.

Alle sind für Solidarität

Die Stimmung ist konzentriert. Für 290 Leute hat man bestuhlt, und die lassen auch kaum einen Platz leer. Vieles von dem, was gesagt wird, ist nicht neu. Man hat es auf den sechs bisherigen Regionalkonferenzen gehört oder auch schon vorher. Karl Lauterbach etwa plädiert für den schnellen Ausstieg aus der Groko und ein Bündnis mit Grünen und Linke. Dafür kann sich auch Hilde Mattheis sehr erwärmen. Und Applaus gibt es dafür ebenfalls immer wieder. Grundsätzlich alle auf der Bühne sind für Solidarität. Greifbar wird der Begriff durch die ständige Wiederholung allerdings nicht.

Abwechslungsreicher ist die Runde mit Fragen aus dem Publikum. Die erste geht an Olaf Scholz, der aus der Haushaltswoche im Bundestag nach Erfurt gereist ist. Bislang hat der Finanzminister und Vizekanzler keine Regionalkonferenz verpasst. "Deine Kandidatur hat mich verärgert", raunzt ihn Sven Scheerle an, "weil du für eine Politik stehst, die wir eigentlich überwinden wollen: Hartz-4, die Agenda 2010. Wie willst du die Sozialschwachen zurückgewinnen?"

Scholz beantwortet die Frage nicht, er verteidigt sich: "Mir sind die sozialpolitischen Fragen wichtig". Er habe den 12-Euro-Mindestlohn in die öffentliche Debatte und die Kurzarbeitregelungen ab 2008 auf den Weg gebracht. Außerdem zählt Scholz in seiner kurzen Antwortminute, die ihm laut Veranstaltungsregel zusteht, die sozialdemokratischen Projekte auf, die er als Hamburger Bürgermeister umgesetzt habe. Nach der Veranstaltung wird Scholz noch einmal versuchen, Scheerle seine Position zu erklären. "Es gibt niemanden mit einer so erfolgreichen sozialdemokratischen Leistungsbilanz wie ich in Hamburg." Der Thüringer freut sich zwar über das Gespräch, überzeugt wirkt er dennoch nicht.

Es wird sich nichts geschenkt

Viele Fragen gehen an Karl Lauterbach als Gesundheits- und Sozialexperten. Die Ostdeutschen seien sehr sachorientiert und nicht so leicht mit Gags zu beeindrucken, sagt Lauterbach hinterher: "Sprücheklopfer haben es bei den Veranstaltungen im Osten schwer". Wen er da meint, will er nicht sagen. Lauterbach tritt zusammen mit der Umweltpolitikerin Nina Scheer an, die ihren Geburtstag bei der Regionalkonferenz in Erfurt verbringt. Aber geschenkt wird sich hier nichts, auch wenn Tonfall und Umgang der Kandidatenteams miteinander freundlich sind.

Vor allem einer wird direkt oder indirekt immer wieder angegangen. "Kabinettsmitglieder gehören nicht an die Spitze der Partei" lässt sich Gesine Schwan vernehmen, Gewerkschafter Dierk Hierschel wettert gegen die schwarze Null. Olaf Scholz lächelt. Den ganzen Abend.

SPD droht in Thüringen zu verzwergen

Erstaunlich wenig geht es um die anstehende Landtagswahl in Thüringen, bei der die SPD ähnlich wie in Sachsen zu verzwergen droht. Mehrfach wird nach dem Ostkonzept gefragt, dass der SPD-Vorstand Anfang des Jahres beschlossen hat. Die Antworten bleiben im Ungefähren, vielleicht auch, weil nicht die Verantwortlichen aus der Parteispitze angesprochen werden. Petra Köpping, die Intergrationsministerin aus Sachsen, betont die Bedeutung der Ostperspektive. Für sie ein Grund, warum sie antrete. Auch beim Klimaschutz müsse man gerade im Osten das Soziale sehr stark mitdenken. "Andernfalls werden die Leute das nicht mittragen."

Köpping bekommt mehr Aufmerksamkeit als andere Kandidatinnen an diesem Abend, weil sie alleine auftritt. Ihr Partner, Boris Pistorius, Innenminister von Niedersachsen, fehlt zum zweiten Mal. Er werde im Landtag von Hannover gebraucht. Klara Geywitz, die andere Ostdeutsche und Mitbewerberin an der Seite von Olaf Scholz, bleibt blass.

Deutlich leidenschaftlicher präsentieren sich Christina Kampmann und Michael Roth. Norbert Walter-Borjans und Saskia Esken sammeln den erwarteten Beifall beim Thema Steuergerechtigkeit ein. Einzelbewerber Karl-Heinz Brunner darf gelegentlich auch mal was sagen. Und Ralf Stegner wirkt sehr zufrieden mit seinem Auftritt: "Mir liegt das Format."

Michael Roth und Christina Kampmann | Bildquelle: dpa
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Leidenschaftlich: Michael Roth und Christina Kampmann

Die Suche geht in die nächste Runde

Karin Burfeind von der Erfurter SPD ist am Ende allerdings noch von keinem so eingenommen, dass sie ihre Stimme schon vergeben möchte. Zu allgemein sei vieles geblieben und zu phrasenhaft. Johannes Hoffmann ist eher ein bisschen verwundert - weil er Olaf Scholz ganz überzeugend fand. Dabei hatte der Student 2018 beim Mitgliederentscheid noch gegen die Große Koalition gestimmt. Aber vielleicht sei es doch besser in der Regierung seine Projekte umzusetzen. Und auch die schwarze Null findet er richtig. Ist das also ein klares Votum für das Duo Scholz/Geywitz? Hoffmann überlegt noch einmal. Von Petra Köpping sei er ebenfalls positiv überrascht. Und auch Kampmann und Roth könne er sich vorstellen. Die seien "cool und frisch".

So geht die Suche in die nächste Runde. Von Erfurt reist der Kandidatentross weiter nach Nürnberg. Und selbst wenn manche Umfragen und Empfehlungen von Altvorderen der SPD eher bekannte Namen vorne sehen wollen, scheint nach sieben von 23 Regionalkonferenzen vieles offen. So wie ein Spiel eben 90 Minuten hat.

Über dieses Thema berichtete MDR aktuell am 11. September 2019 um 21:45 Uhr.

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