Gesundheitsminister Spahn | EPA

Spahn widerspricht Wieler Richtungsstreit um die Inzidenz

Stand: 29.07.2021 13:37 Uhr

Welche Folgen hat die weiter steigende Inzidenz? Dazu haben RKI und Gesundheitsministerium unterschiedliche Meinungen. Intensivmediziner kritisieren das zögerliche Handeln der Politik.

In der Debatte um die Bedeutung der Inzidenz als Richtwert in der Pandemie hat Bundesgesundheitsminister Jens Spahn dem Chef des Robert Koch-Instituts (RKI), Lothar Wieler, widersprochen. "Mit steigender Impfrate verliert die Inzidenz an Aussagekraft", sagte Spahn der "Bild"-Zeitung. Daher brauche es "zwingend weitere Kennzahlen, um die Lage zu bewerten", etwa die Zahl der neu aufgenommenen Covid-Patienten im Krankenhaus. Das hatte er ähnlich bereits zuvor gesagt.

Ganz auf die Inzidenz verzichten will Spahn jedoch nicht. Dazu seien nicht ausreichend Menschen in Deutschland geimpft.

Wieler hatte in einer Bund-Länder-Schalte eine Niedrig-Inzidenz-Strategie gefordert und vor einer vierten Welle gewarnt. Pläne aus dem RKI, auch andere Kriterien für die Corona-Politik zu berücksichtigen, spielten laut "Bild" bei seinem Vortrag keine Rolle. Stattdessen beharrte Wieler darauf, die Inzidenz bleibe "wichtig, um die Situation in Deutschland zu bewerten und frühzeitig Maßnahmen zur Kontrolle zu initiieren".

"Würden uns wünschen, dass klarer gehandelt wird"

Der Intensivmediziner Uwe Janssens wirft der Politik ein zu zögerliches Handeln bei der Eindämmung der anrollenden vierten Corona-Welle vor. "Eigentlich würden wir uns wünschen, dass da klarer gehandelt wird", sagte der Generalsekretär der Gesellschaft für Internistische Intensivmedizin (DGIIN) im gemeinsamen Morgenmagazin von ARD und ZDF. "Wir haben im letzten Jahr gesehen, was das für Folgen hat, wenn man zuwartet und gar nichts macht. Das scheint sich zu wiederholen."

Janssens wies auf Großbritannien hin, wo zu beobachten sei, wie der Anstieg der Infektionszahlen mehr Krankenhauseinweisungen und auch Beatmungen sogar junger Menschen nach sich ziehe. Wenn es wieder viele Infizierte gebe, werde das Auswirkungen auch auf die Wirtschaft haben.

Im politischen Streit um den künftigen Stellenwert der Inzidenz sagte er, diese bleibe ein wichtiger Faktor für die Beurteilung der Lage. Sie müsse gemeinsam betrachtet werden mit der Zahl der Krankenhauseinweisungen und der Auslastung der Intensivbetten. Dazu gebe es in Deutschland wegen des Datenschutzes aber teils noch zu wenig detaillierte Angaben.

3142 Neuinfektionen - Inzidenz steigt auf 16

Die Sieben-Tage-Inzidenz war in den vergangenen gut drei Wochen deutlich angestiegen. Nach Angaben des RKI liegt sie aktuell bei 16,0 - am Vortag betrug der Wert 15,0 und beim jüngsten Tiefststand am 6. Juli 4,9.

Die Gesundheitsämter in Deutschland meldeten dem RKI zuletzt binnen eines Tages 3142 Corona-Neuinfektionen. Vor einer Woche hatte der Wert bei 1890 Ansteckungen gelegen.

Deutschlandweit wurden binnen 24 Stunden 21 Todesfälle verzeichnet. Vor einer Woche waren es 42 Todesfälle gewesen. Die Zahl der Menschen, die an oder unter Beteiligung einer nachgewiesenen Infektion mit Sars-CoV-2 gestorben sind, stieg auf 91.702.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 29. Juli 2021 um 09:00 Uhr.

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