Karl Lauterbach | dpa

Corona-Impfstrategie Lauterbach fordert Kurswechsel

Stand: 05.04.2021 15:37 Uhr

Möglichst schnell vielen Menschen eine Erstimpfung geben, um einen vierten Lockdown zu verhindern - das schlägt SPD-Gesundheitsexperte Lauterbach vor. Gesundheitsminister Spahn baut indessen auf ein höheres Tempo beim Impfen.

SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach fordert einen Kurswechsel in der Impfstrategie hin zu möglichst vielen kurzfristigen Erstimpfungen. Wenn der Abstand zur Zweitimpfung bei den mRNA-Impfstoffen von BioNTech und Moderna von sechs auf zwölf Wochen verlängert würde, könnten bis Juli über 60 Millionen Menschen in Deutschland erstgeimpft und so gegen schwere Krankheitsverläufe geschützt sein, sagte er der "Augsburger Allgemeinen".

"Wenn wir jetzt unsere Strategie wechseln und auf möglichst viele Erstimpfungen ausrichten, wird kein vierter Lockdown mehr nötig sein."

Lauterbach: "Weit über 10.000 Todesfälle" verhindern

Lauterbach verwies auf Erfahrungen aus Großbritannien sowie auf Modellrechnungen unter seiner Beteiligung, wonach so "weit über 10.000" Todesfälle verhindert werden könnten. "Studienergebnisse aus Australien weisen darauf hin, dass der Schutz der mRNA-Impfstoffe auch zwischen der sechsten und der zwölften Woche nach der Impfung so stark ausgeprägt ist, dass bei einer Corona-Infektion das Risiko schwerer Verläufe mit Klinikaufenthalten oder tödlichem Ausgang extrem gering ist."

Der Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Immunologie, Carsten Watzl, unterstützte den Vorschlag und forderte, keine Dosen für Zweitimpfungen mehr zurückzulegen. "Wir haben derzeit über 1,2 Millionen Dosen BioNTech und eine halbe Million von Moderna auf Lager in den Gefrierschränken liegen", sagte Watzl der "Augsburger Allgemeinen". "Wir müssen jetzt aber pragmatisch sein und alles verimpfen, was geliefert wird."

Möglich sei, dass der Schutz zwischen Woche sechs und zwölf etwas nachlasse. Doch: "Selbst wenn der Impfabstand etwas länger als sechs Wochen ist, retten wir dadurch möglicherweise mehr Menschenleben als wir schwere Erkrankungen riskieren."

STIKO hat Empfehlung geändert

Die Ständige Impfkommission (STIKO) hatte zunächst für das BioNTech/Pfizer-Mittel einen Abstand von drei bis sechs Wochen empfohlen, für den Moderna-Impfstoff einen Abstand von vier bis sechs Wochen. In einem Beschlussentwurf vom 1. April zu einer Aktualisierung der Empfehlungen heißt es nun: "Die Gabe der zweiten Impfstoffdosis soll für die mRNA-Impfstoffe nach sechs Wochen und für den AstraZeneca-Impfstoff nach zwölf Wochen erfolgen, da dadurch sowohl eine sehr gute individuelle Schutzwirkung als auch ein größerer Effekt der Impfung auf Bevölkerungsebene zu erzielen ist."

Spahn: bis Anfang Mai 20 Prozent geimpft

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn setzt unterdessen darauf, dass das Impftempo im April deutlich anzieht und binnen eines Monats noch einmal genauso viele Menschen ihre Erstimpfung erhalten wie in den ersten drei Monaten des Jahres. "Bis Anfang Mai werden 20 Prozent der Deutschen geimpft sein können", sagte der CDU-Politiker beim Besuch des Berliner Impfzentrums Messe. Das erste Quartal sei benötigt worden, um etwa zehn Prozent der Bevölkerung gegen SARS-CoV2 zu immunisieren. "Wir werden die nächsten zehn Prozent jetzt in einem Monat schaffen können angesichts der zu erwartenden Lieferungen." Die Impfgeschwindigkeit werde im zweiten Vierteljahr immer weiter zulegen.

"Die dritte Welle wächst"

Spahn warnte, dass die Ansteckungsgefahr anhaltend hoch sei. "Impfen verhindert nicht die dritte Welle, die dritte Welle wächst", sagte er und verwies auf Länder mit bereits höherer Impfquote wie Chile, Großbritannien oder die USA: Diese Beispiele zeigten, dass Kontaktbeschränkungen weiter notwendig seien. Die Situation in den Krankenhäusern und auf den Intensivstationen nannte Spahn angesichts steigender Auslastungszahlen besorgniserregend. "Wir müssen diese dritte Welle miteinander brechen und Kontakte reduzieren", sagte er. "Vor allem im privaten Bereich, in den Schulen, auf der Arbeit, wo es eben geht." Corona verlangt den Menschen nach Spahns Darstellung viel ab: "Der Weg ist noch beschwerlich."

Bundesgesundheitsminister Spahn beim Besuch in einem Impfzentrum | AFP

Bundesgesundheitsminister Spahn (M.): Zehn Prozent in einem Monat? Bild: AFP

AHA+L-Regeln gelten weiter für alle

Spahn wiederholte seine Forderung nach Erleichterungen für vollständig Geimpfte. Es gehe darum, sie so behandeln zu können wie negativ Getestete. Der Minister stellte gleichzeitig klar, dass für sie alle die AHA+L-Regeln weiterhin notwendig seien. "Niemand hat mehr oder weniger Möglichkeiten als jemand anders, solange klargestellt ist, dass das Infektionsrisiko reduziert ist durch Testung oder Impfungen."

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 05. April 2021 um 17:12 Uhr.