Jens Spahn | dpa

Spahn über Gesundheitswesen Pandemie zeigt Defizite "wie im Brennglas"

Stand: 04.05.2021 15:05 Uhr

Gesundheitsminister Spahn hat beim digitalen Ärztetag Defizite des Gesundheitssystems eingeräumt. Die Pandemie zeige diese deutlich. Ärztepräsident Reinhardt kritisierte vor allem die Kommerzialisierung im Gesundheitswesen.

Die Corona-Pandemie hat nach Ansicht von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn nicht nur Stärken, sondern auch Defizite des Gesundheitssystems aufgedeckt. So habe die Pandemie wie "im Brennglas" gezeigt, dass der öffentliche Gesundheitsdienst zu lange ein Nischendasein geführt habe, sagte der CDU-Politiker beim digitalen Ärztetag. Dies gelte nicht nur für die Personalausstattung, auch die Digitalisierung der Gesundheitsämter müsse weiter ausgebaut werden.

Der Minister begrüßte zugleich die Fortschritte in der Telemedizin, etwa durch Videosprechstunden. "Die Pandemie hat das getriggert um einige Tausend Prozent." Bei Patienten und Ärzten sei die Bereitschaft gestiegen, Probleme und Behandlungen online abzuklären.

Corona habe allerdings auch gezeigt, dass Deutschland bei der Produktion bestimmter Wirkstoffe oder Impfstoffe wieder unabhängiger werden müsse "von China und anderen Teilen der Welt". "Es geht um das richtige Maß an Globalisierung in bestimmten sensiblen Bereichen", so Spahn.

Ärztepräsident warnt vor Kommerzialisierung

Der Chef der Bundesärztekammer, Klaus Reinhardt, warnte in seiner Rede vor Kostendruck und einer weiteren Kommerzialisierung im Gesundheitswesen. "Erst kommt der Patient und dann der Profit. Das muss sich endlich in das kollektive Gedächtnis einbrennen", sagte er. Ökonomisches Handeln sei auch im Gesundheitswesen eine Selbstverständlichkeit, dies müsse aber den Zielen der Medizin dienen und nicht umgekehrt.

"Wir sehen Kliniken und Praxen als Einrichtungen der Daseinsvorsorge und nicht als Industriebetriebe oder lukrative Renditeobjekte finanzstarker Fremdinvestoren", sagte Reinhardt. Bei Krankenhäusern seien Fehlanreize der Finanzierung über Fallpauschalen zu beheben. Im ambulanten Bereich müssten Beteiligungsmöglichkeiten begrenzt werden.

Klaus Reinhardt | dpa

Ärztepräsident Reinhardt: "Erst kommt der Patient und dann der Profit." Bild: dpa

Kritik an zu schneller Digitalisierung

Reinhardt unterstützte mehr Tempo bei digitalen Anwendungen im Gesundheitswesen. "Ich warne aber zugleich vor einer zu engen Taktung bei der Digitalisierung, die keine Zeit mehr dafür lässt, neue Anwendungen mit der dafür notwendigen Gründlichkeit auf ihre Praxistauglichkeit hin zu erproben." Etwa bei der elektronischen Patientenakte seien Fristen kaum zu halten - angesichts einer verspäteten Verfügbarkeit zugelassener Geräte und elektronischer Heilberufsausweise. Daher sollten Sanktionen für die Praxen gestrichen oder zumindest ausgesetzt werden.

Spahn hingegen verteidigte ein höheres Tempo bei der Digitalisierung. Dies sei gerade im sensiblen Gesundheitsbereich wichtig, um Angebote aus Deutschland mit deutschem und europäischem Datenschutz zu schaffen. Nach jahrelangem Stillstand könne von einer "überhasteten" Digitalisierung nicht die Rede sein.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 04. Mai 2021 um 12:02 Uhr.