Ein Mädchen sitzt auf dem Boden und hält einen Teddybären. | picture alliance / Inderlied/Kir

Portal für Missbrauchsopfer "Geschichten, die zählen"

Stand: 19.01.2022 16:44 Uhr

Ein neues Internet-Portal rückt Opfer von sexuellem Missbrauch in den Fokus. Mit ihren Berichten können sie erfahrenes Leid für die Gesellschaft verständlicher machen. Oft werden sie vergessen, weil Tat und Täter im Mittelpunkt stehen.

Von Jonas Pospesch, ARD-Hauptstadtstudio

"Mit elf Jahren, wurde ich in der Kirche, nachts und nur mit einem Messdienergewand bekleidet, vergewaltigt. Wer der Täter war, weiß ich bis heute nicht", schreibt Johann. Elke schreibt: "Ab dem zehnten Lebensjahr unternahm ich mehrere Suizidversuche, die fehlgeschlagen sind. Das hat niemand bemerkt."

"Dieses grausame und schreckliche Trauma, was ich als Kind im Heim erlebt und durchgemacht habe, vergesse ich nie und habe es auch bis heute im Alter nicht vergessen", berichtet Wilhelm. Und Marina schreibt: "Mit dem Missbrauch, das ist, als wenn mir einer mutwillig die Eisenstange aufs Knie gehauen hat, nur unsichtbar." So schildern Betroffene ihre Missbrauchserfahrungen auf dem Portal "Geschichten, die zählen". Die Berichte gehen beim Lesen unter die Haut. 

Die geteilten Erfahrungen sollen das Leid der Betroffenen für die Gesellschaft verständlich machen, sagt Brigitte Tillmann, Mitglied der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs, die das Portal aufgebaut hat. "Nichts ist eindrücklicher als die Berichte der Betroffenen selbst. Ihre Worte, die Schilderungen ihrer Gefühle. Die abwechselnde Sprachmacht, die Sprachlosigkeit, mit der sie beschreiben, was ihnen damals angetan wurde und was sie bis heute verfolgt."

Opfer sollen im Mittelpunkt stehen

100 Berichte von Missbrauchsopfern und Zeugen sind auf dem Portal dokumentiert. Sie stehen stellvertretend für Tausende Erfahrungen in Familien, Kirchen, Sportvereinen und an anderen Orten. Weitere Geschichten sollen folgen. Das Portal möchte ein "würdiger Erinnerungsort" sein.

Dabei sollen die Opfer im Mittelpunkt stehen. Diese würden oft vergessen, weil sich die Aufmerksamkeit auf Tat und Täter richte, sagt Matthias Katsch. Auch er ist Mitglied der Aufklärungskommission und selbst Opfer von Kindesmissbrauch. Laut ihm hat das Portal zwei Ziele:

Auf der einen Seite ist es für die Betroffenen selbst eine Geste der Anerkennung und des Respekts vor dem Leid, aber auch vor der Lebensleistung, die damit verbunden war, das zu überwinden. Auf der anderen Seite schauen wir in Richtung der Gesellschaft, derjenigen, die Mitmenschen der Betroffenen sind und die oftmals wenig wissen über sexualisierte Gewalt.

"Man nimmt dem Täter seine Macht"

Bis heute sei es für viele Missbrauchsopfer schwer, selbst im privaten Bereich von ihren Erlebnissen zu erzählen, sagt Katsch. Diesen Menschen solle das Portal Mut machen und zeigen, dass sie nicht allein sind. Katsch weiß selbst, wie gut es tun kann, über den Missbrauch zu sprechen: "Es ist eine Art von Selbstermächtigung. Man nimmt dem Täter seine Macht, wenn es gelingt, befreit und offen darüber zu sprechen."

Die Geschichten auf dem Portal sollen aber auch dafür sensibilisieren, wie die Gesellschaft in Zukunft besser hinhören, hinschauen und reagieren kann, um Kindesmissbrauch zu verhindern. Tillmann liest aus dem Brief einer Betroffenen vor: "Ich habe mich dafür entschieden, meinen Bericht zur Verfügung zu stellen, in der Hoffnung, dass ich durch meine Erfahrungen dazu beitragen kann, Kinder besser zu schützen - und damit meine Vergangenheit einen Sinn bekommt, etwas Positives für andere bewirkt.“

Für Katsch müssen jetzt weitere Schritte folgen. Er wünscht sich von der Bundesregierung einen ressortübergreifenden Aktionsplan gegen Kindesmissbrauch, damit weniger Kinder zu Opfern und die Opfer besser versorgt werden.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 19. Januar 2022 um 13:52 Uhr.