Blumen liegen in der Würzburger Innenstadt am Tatort einer tödlichen Messerattacke im Juni 2021. | dpa

Nach Messerattacke in Würzburg Seehofer sieht Defizite bei Integration

Stand: 30.06.2021 12:45 Uhr

Nach der Messerattacke in Würzburg beginnt nun die politische Aufarbeitung. Innenminister Seehofer mahnte, man müsse sich mehr um Integration und Prävention bemühen. Oberbürgermeister Schuchardt warnte vor Pauschalisierung.

Bundesinnenminister Horst Seehofer will nach der Messerattacke von Würzburg die gesellschaftlichen Bemühungen um die Integration von Flüchtlingen auf den Prüfstand stellen. "Was mich an dem Fall am meisten beschäftigt, ist die Frage, wie es sein kann, dass ein 24-jähriger Mann, der zwar kein Asyl bekommen hat, aber subsidiären Schutz als Flüchtling genießt und sich rechtskonform in Deutschland aufhält, nach sechs Jahren in unserem Land in einer Obdachlosenunterkunft lebt", sagte der CSU-Politiker der "Augsburger Allgemeinen". "Damit können wir uns doch nicht abfinden."

Seehofer mahnte: "Da müssen wir, Bund und Länder, gemeinsam überlegen, ob unsere Integrationsbemühungen verstärkt werden müssen." Eine starke Ordnungskraft allein reiche nicht aus. "Wir müssen uns auch um Integration und Prävention bemühen. Eine Demokratie ist nur wehrhaft, wenn auch die Bevölkerung das zu ihrer Sache macht. Wenn ein junger Mann sechs Jahre in einem Obdachlosenheim lebt, ohne dass jemand hinschaut und sich kümmert, dann kann ich mit unserer Politik nicht zufrieden sein", so der Minister. Da fehle es am Bewusstsein.

"Wir leben in einer Alarmsituation"

Seehofer weiter: "Wir weisen seit vielen Monaten auf die hohe Bedrohungslage durch alle Erscheinungsformen von Extremismus und Terrorismus hin." Eine beachtliche Zahl von Medien habe das zuletzt leider überhaupt nicht interessiert. "Ich will die Menschen nicht in Angst und Schrecken versetzen, aber wir dürfen die Gefahren auch nicht verharmlosen. Wir leben in einer Alarmsituation, unsere Sicherheit und unsere Demokratie werden von mehreren Seiten bedroht. Und ich warne ausdrücklich davor, die eine Gefahr gegen die andere aufzuwiegen." Die Alarmlage sei gegeben durch Islamisten, Rechts- und Linksextremisten und auch durch die sogenannten Reichsbürger.

Zum Motiv des Täters sagte Seehofer: "Ich habe noch nicht alle Informationen. Wir haben Hinweise auf eine islamistische Gesinnung des Täters. Eine psychische Störung kommt offenbar dazu."

Oberbürgermeister: "Hingucken muss Staatsaufgabe sein"

Auch Oberbürgermeister Christian Schuchardt (CDU) sieht die Politik in einer besonderen Verantwortung. "Pauschalisieren und Gruppen zu stigmatisieren, das kann irgendwann auch zu Hass führen und in Gewalt münden, in Taten umgesetzt werden. Da ist es ganz zentral, welche Tonspur die Politik legt, auch ein Oberbürgermeister", sagte Schuchardt der "Süddeutschen Zeitung".

Es gehe nicht darum, etwas zu beschönigen "Es geht nicht darum, lax zu sein, wegzuschauen. Sondern das zu tun, was nötig ist, zu ermitteln, aber eben mit einer gewissen Grundempathie", erklärte der Kommunalpolitiker. "Wenn wir Menschen mit sehr schwierigen Biografien aufnehmen, ist klar, dass das nicht einfach ist, sie womöglich auch eine Form der Begleitung brauchen. Und wenn wir feststellen, dass einige von ihnen, wie der Täter, der ja gerade erst volljährig war, als er nach Deutschland kam, eben nicht genügend staatlich begleitet worden sind, muss sich das für die Zukunft massiv ändern." Das schnelle Hingucken und häufigere Hingucken müsse Staatsaufgabe sein, auch im eigenen Interesse.

Ängste vor Überfremdung

Schuchardt bekommt nach eigenen Worten derzeit sehr viele E-Mails aus ganz Deutschland, offenbar manche auch mit bedrohlichen Inhalten. Er habe Verständnis für einige, nicht alle. "Ich möchte auch nicht von Friede, Freude, Eierkuchen der 'bunten Gesellschaft' reden, und ich weiß, dass viele Menschen Ängste haben vor Überfremdung." Aber er gestalte als Kommunalpolitiker nicht die deutsche oder europäische Flüchtlingspolitik. "Ich bin unserer Stadtgesellschaft verpflichtet und als Person Humanist."

Nach bisherigen Erkenntnissen hatte ein 24-jähriger Somalier am Freitagnachmittag im Würzburger Zentrum drei Frauen getötet und sieben weitere Menschen teils schwer verletzt. Der Angreifer wurde per Beinschuss gestoppt, er befindet sich in Untersuchungshaft.

Über dieses Thema berichtete MDR Aktuell im Hörfunk am 30. Juni 2021 um 13:13 Uhr.