Hochwasser am Rhein im Januar 2018

Vorsorge gegen Klimawandel Nur 600 Millionen statt fünf Milliarden

Stand: 11.12.2018 06:00 Uhr

Die Kosten des Klimawandels wären geringer, wenn mehr Geld in die Prävention fließen würden, etwa beim Hochwasserschutz. Doch Deutschland gibt nur gut ein Zehntel dessen aus, was Experten fordern.

Von Jürgen Döschner, WDR

Beim Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) kennt man sich aus mit Katastrophenszenarien. Erderwärmung, schmelzende Polkappen, steigende Meeresspiegel - für Professor Anders Levermann, Leiter der Abteilung "Anpassungsstrategie" beim PIK, ist das fast schon Routine. Doch das Jahr 2018 hat ihn besonders beunruhigt. "Im letzten Dezember war von New York bis Chicago die gesamte Ostküste der Vereinigten Staaten unter einer Schneedecke bedeckt, alles ist zum Erliegen gekommen", so Levermann.

Ursache sei das Mäandern des sogenannten Jetstream gewesen. Dieses Phänomen gebe es rund um den Globus, auch in Europa. "Einen Monat später ist in Sibirien innerhalb von fünf Tagen die Temperatur um 55 Grad angestiegen. Wenn wir das in Europa gehabt hätten, dann hätten wir die Krankenhäuser voll", warnt Levermann.

Starkregen, Hitze, Dürre, Stürme - diese abrupten, durch den Klimawandel bedingten Wetterveränderungen seien die große Herausforderungen beim Thema Klimaanpassung - und das nicht erst in einigen Jahrzehnten, sondern heute.

Ein Mann beobachtet ein Binnenschiff im Rhein, das in der verbliebenen schmalen Fahrrinne passiert. | Bildquelle: dpa
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Bodenheim in Rheinland-Pfalz im Oktober: Niedrige Pegelstände führten dazu, dass nur noch wenige Schiffe auf dem Rhein fahren konnten.

Diffuse Verantwortlichkeiten

Doch beim Umgang mit den Folgen des Klimawandels hat Deutschland ähnliche Defizite wie beim Klimaschutz. Das beginnt bereits damit, dass keine Stelle einen vollständigen Überblick darüber hat, was bislang auf diesem Gebiet getan und wie viel Geld dafür ausgegeben wurde. Im Bund und in den meisten Ländern ist das Thema bei den Umweltministerien angesiedelt.

Eine Umfrage des WDR ergab ein unvollständiges Bild. Zwar antworteten - bis auf Hamburg und Bremen - alle Ministerien. Die meisten konnten auch auf Absichten, Pläne und Projekte verweisen. Doch bei der Frage nach den Investitionen in die Klimaanpassung blieben die Antworten oft unkonkret. "Eine trennscharfe Ausweisung der Kosten ist allein aufgrund von thematischen Abgrenzungsfragen nicht möglich", schreibt zum Beispiel das Bundesumweltministerium, und nennt nur einige exemplarische Zahlen. Ähnlich reagierte das NRW-Umweltministerium in Düsseldorf.

"Das Problem besteht darin, dass nicht systemisch gedacht wird", kritisiert Petra Mahrenholz vom Umweltbundesamt (UBA) diesen Zustand. "Es wird nicht fachübergreifend entschieden und auch nicht fachübergreifend finanziert", so die Leiterin des Kompetenzzentrums Klimafolgen und Anpassung beim UBA.

UBA fordert Verzehnfachung der Ausgaben

Insgesamt meldeten Bund und Länder 3,1 Milliarden Euro, die in den vergangenen fünf Jahren für Maßnahmen zur Klimaanpassung bereitgestellt wurden. Das wären im Durchschnitt rund 600 Millionen Euro pro Jahr. Auch wenn wegen des genannten Informationsdefizits diese Zahl mit Unsicherheiten verbunden ist: Sie ist ein Indiz dafür, dass Deutschland zu wenig tut, um die Folgen des Klimawandels zu bewältigen. Denn das UBA hatte bereits 2012 einen jährlichen Bedarf von etwa fünf Milliarden Euro errechnet. Das wäre fast zehnmal mehr, als jetzt von den Umweltministerien angegeben.

Das Bundesumweltministerium sieht keine Hinweise für Versäumnisse. "Deutschland ist auf den Klimawandel gut vorbereitet", heißt es in einer schriftlichen Stellungnahme aus Berlin. Der Erfolg von Klimaanpassungsmaßnahmen lasse sich "nicht ausschließlich an den Ausgaben bemessen."

Petra Mahrenholz vom Umweltbundesamt spricht hingegen klar von einer Finanzierungslücke: "Wenn Deutschland genug tun würde, dann gäbe es weder Schäden im Hochwasserschutz, noch hätten wir Hitzetote zu beklagen. Meiner Meinung nach ist da noch viel Potenzial nach oben."

Kommunen fordern Unterstützung

Auch die Kommunen, in denen häufig die Folgen des Klimawandels am deutlichsten spürbar sind, fordern von Bund und Ländern mehr Unterstützung. Es gebe zwar die sogenannte "Deutsche Anpassungsstrategie an den Klimawandel (DAS)", erklärt Detlef Raphael vom Deutschen Städtetag, doch diese sei "deutlich unterdotiert."

Dabei wären Investitionen in Maßnahmen zum Schutz vor den Klimawandel durchaus gut angelegtes Geld, meint UBA-Frau Mahrenholz: "Wenn wir davon ausgehen, dass wir bis zur Mitte des Jahrhunderts jährlich Klimawandel-Schäden in Höhe von 20 Milliarden Euro haben könnten, uns die Anpassungsmaßnahmen aber nur fünf Milliarden pro Jahr kosten, dann ist das ein Kosten-Nutzen-Verhältnis von eins zu vier. Und damit ist klar, dass sich Klimawandelanpassung in jedem Fall lohnt."

WDR-Recherche zur Klima-Anpassung
Jürgen Döschner, WDR
11.12.2018 07:17 Uhr

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Über dieses Thema berichtete NDR Info am 11. Dezember 2018 um 10:15 Uhr.

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