Besucher der Essener Innenstadt schauen sich die Auslage eines Schmuckgeschäftes an (Archivbild). | dpa

RKI-Wochenbericht Gefahr ansteckender Kontakte wächst

Stand: 29.10.2021 07:20 Uhr

Die Corona-Fallzahlen in Deutschland steigen zunehmend, was sich auch auf den Intensivstationen zeigt. Das RKI warnt vor dem erhöhten Risiko einer Infektion und empfiehlt dringend: impfen, testen und Kontakte reduzieren.

Angesichts der Verbreitung des Coronavirus in Deutschland hat das Robert Koch-Institut vor einem wachsenden Risiko von Ansteckungen gewarnt. "Bei den gegenwärtigen Sieben-Tage-Inzidenzen besteht eine zunehmende Wahrscheinlichkeit infektiöser Kontakte", heißt es im jüngsten Wochenbericht. Es werde "dringend empfohlen", sich gegen Covid-19 impfen zu lassen und auf den vollständigen Impfschutz zu achten.

Gemeint ist, dass man sich auch die zweite Spritze geben lassen sollte, die bei fast allen Corona-Impfstoffen vorgesehen ist. Die Möglichkeit der Auffrischimpfung solle von den Gruppen genutzt werden, denen die Ständige Impfkommission dies empfiehlt, hieß es. Wer leichte Symptome habe, solle zu Hause bleiben und sich testen lassen, möglichst mit PCR, twitterte das RKI. Das gelte auch für Geimpfte.

"Ausgeprägter Effekt" von Impfungen

Nicht notwendige Kontakte sollten reduziert und die Verhaltensregeln zum Schutz vor Infektionen konsequent eingehalten werden. Der Anteil Geimpfter sei in den vergangenen Wochen kaum noch gestiegen, hält das RKI fest. Unter Berufung auf eigene Berechnungen hieß es, ein "ausgeprägter Effekt" der Corona-Impfung zum Verhindern von Covid-19-Erkrankungen und Krankenhausaufnahmen in Deutschland sei belegt.

Das RKI verglich die jeweiligen Inzidenzen in der ungeimpften und der vollständig geimpften Bevölkerung. Ergebnis: In der geimpften Bevölkerung habe sowohl die wöchentliche Inzidenz der Fälle mit Symptomen als auch die Inzidenz der Krankenhausaufnahmen deutlich unter den jeweiligen Werten der ungeimpften Bevölkerung gelegen, hieß es. Dies gelte für die beiden analysierten Altersgruppen (18 bis 59 und ab 60 Jahre) und im gesamten Untersuchungszeitraum von Mitte Juli bis Mitte Oktober.

Steigende Inzidenzen in allen Altersgruppen

Zur allgemeinen Corona-Lage heißt es im Bericht, dass der steigende Trend der Sieben-Tage-Inzidenzen vorige Woche in allen Altersgruppen sichtbar geworden sei. Sprunghafte Anstiege beträfen auch Ältere - bei den Menschen über 90 etwa stieg die Sieben-Tage-Inzidenz im Wochenvergleich von 63 auf 108. Es habe erneut einen deutlichen Anstieg von Ausbrüchen in Alten- und Pflegeheimen und medizinischen Einrichtungen gegeben, hieß es. "Die diesjährigen Fallzahlen sind deutlich höher als im gleichen Zeitraum des Vorjahres." Das RKI betont seit dem Sommer, dass es für Herbst und Winter mit steigenden Zahlen rechnet.

Angesichts der rasanten Zunahme der Neuansteckungen warnte die Ärztegewerkschaft Marburger Bund erneut vor drastischen Engpässen in den Krankenhäusern wie in zurückliegenden Hochphasen der Pandemie. "Ich möchte nicht wieder erleben, dass wegen Covid-19 Operationen abgesagt werden müssen, weil sonst die Versorgung personell nicht bewältigt werden kann“, sagte die Vorsitzende Susanne Johna den Zeitungen der Funke Mediengruppe.

Der Präsident der Intensivmediziner-Vereinigung, Gernot Marx, geht davon aus, dass zwar alle Patientinnen und Patienten vollumfänglich versorgt werden könnten. "Aber es werden hierzu wieder Operationen abgesagt wie auch Pflegepersonal aus anderen Bereichen abgezogen werden müssen", sagte er dem Redaktionsnetzwerk Deutschland.

Baden-Württemberg kurz vor Warnstufe

Baden-Württemberg rechnet bereits in den kommenden Tagen damit, dass die Zahl der Corona-Intensivpatienten die Marke von 250 überschreitet. Passiert dies an zwei aufeinanderfolgenden Werktagen, tritt die landesweite Warnstufe mit Einschränkungen für Ungeimpfte und Nicht-Genesene in Kraft. Diese unterlägen dann Kontaktbeschränkungen und müssten in vielen Bereichen PCR-Tests vorweisen.

Gesundheitsminister Manfred Lucha sagte zuletzt, Ungeimpfte seien "für rund 80 Prozent der Infektionen und damit natürlich auch für die angespannte Lage in den Intensivstationen" verantwortlich. Er halte es für möglich, dass Einschränkungen Menschen dazu bewegen könnten, sich doch impfen zu lassen.

Virologe erwartet mehr Impfdurchbrüche

Der Virologe Martin Stürmer sprach angesichts der steigenden Zahl von Impfdurchbrüchen von einem "kommunikativen Problem". "Wir sind nicht davon ausgegangen, dass wir hundertprozentig eine sterile Immunität erreichen werden", erklärte er im ARD-Morgenmagazin. Man habe mit Impfdurchbrüchen gerechnet. Bei den hohen Fallzahlen werde man diese in Zukunft noch häufiger sehen.

Es sei allerdings falsch zu argumentieren, es lohne sich nicht, sich impfen zu lassen, wenn man später dennoch infiziert werden könne, sagte Stürmer. Bei Geimpften sei die Situation nämlich völlig anders. "Erstens ist die Wahrscheinlichkeit deutlich reduziert, sich noch einmal anzustecken. Dann ist die Wahrscheinlichkeit signifikant reduziert, einen schweren Verlauf zu haben oder gar zu sterben und auch das Virus an andere weiterzugeben. Insofern hat man schon einen sehr, sehr großen Vorteil für sich selber und für andere, wenn man sich impfen lässt." Bei den Risikogruppen müsse mit einer dritten Impfung gegengesteuert werden.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 29. Oktober 2021 u.a. um 05:30 Uhr.