Menschen beim Einkaufen in Lübeck | dpa

Sinkende Corona-Fallzahlen Entwicklung erfreulich - und gefährdet

Stand: 14.12.2021 11:30 Uhr

Die Infektionszahlen gehen tatsächlich zurück, sagen mehrere Forscher. Doch wie lange der Trend anhalten wird, ist unklar. Die besonders ansteckende Omikron-Variante könnte die Entwicklung in zwei bis drei Wochen umkehren.

Zehn Tage vor Heiligabend stehen mit Blick auf Corona die Zeichen zumindest etwas auf Entspannung. Offenbar stecken sich in Deutschland inzwischen weniger Menschen mit dem Virus an als zuletzt. Noch vor kurzem wurde vor allem mit überforderten Behörden in Verbindung gebracht, dass die gemeldeten Werte nicht weiter stiegen. Nun sinken die Fallzahlen wohl tatsächlich.

Intensivpatientenzahl stabil bei 5000

Die bundesweite Sieben-Tage-Inzidenz lag laut Robert Koch-Institut (RKI) am Morgen bei 375,0. Am Vortag hatte er noch bei 389,2 gelegen, vor einer Woche bei 432,2. Binnen 24 Stunden wurden 30.823 Neuinfektionen verzeichnet. Auch die bundesweite Zahl erwachsener Corona-Patienten laut RKI auf Intensivstation hat sich in den vergangenen Tagen bei knapp 5000 stabilisiert. Noch ist es aber laut Intensivmedizinervereinigung DIVI zu früh, um diese Entwicklung zu beurteilen.

Zu den Verzögerungen bei den Meldungen sagt Ute Teichert, Vorstandsvorsitzende des Bundesverbands der Ärztinnen und Ärzte des Öffentlichen Gesundheitsdienstes (BVÖGD): "Die Ämter kommen wieder etwas besser mit dem Übermitteln von Corona-Nachweisen hinterher." In vielen Ämtern werde das Personal nun nur noch dafür eingesetzt, eingehende Meldungen zu bearbeiten, dafür gebe es weniger Kontaktnachverfolgung. Auch die Unterstützung durch Bundeswehrsoldaten habe geholfen.

Impfen und 2G könnten Gründe sein

Der Epidemiologe Gérard Krause vom Helmholtz Zentrum für Infektionsforschung (HZI) in Braunschweig geht von einer tatsächlichen Entspannung der Lage aus. "Das liegt hauptsächlich an Fortschritten beim Impfen und an 2G." 2G-Regeln seien einerseits ein Anreiz für Ungeimpfte, sich immunisieren zu lassen. Andererseits kämen durch diese Regel nicht-immunisierte Menschen seltener mit dem Virus in Kontakt.

Sein Kollege Hajo Zeeb vom Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie in Bremen spricht von einer "erfreulichen Entwicklung, auch wenn Unsicherheiten bestehen". Zeeb wies noch auf einen anderen Punkt hin: Es sei in der Vergangenheit öfter zu sehen gewesen, dass schon vorab Menschen ihr Verhalten wieder vorsichtiger gestaltet haben. "Das könnte nun auch zu dieser Entwicklung noch vor Weihnachten beitragen."

Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach hatte gestern auf Twitter geschrieben: "Die Lage stabilisiert sich langsam, und der Rückgang der Fallzahlen ist echt."

Amtsärzte-Verbandschefin Teichert drückt es vorsichtiger aus: Es sei nach wie vor schwierig zu beurteilen, ob es einen echten Rückgang bei den Neuinfektionen gebe oder ob die Werte weiterhin stark von einer Untererfassung der nachgewiesenen Infektionen geprägt seien. "Vermutlich ist beides der Fall."

Das RKI wollte sich auf Anfrage der Nachrichtenagentur dpa nicht äußern und verwies auf seinen nächsten Wochenbericht, der am Donnerstagabend erscheint.

Warnung vor Omikron

Die erfreuliche Entwicklung könnte ohnehin von kurzer Dauer sein. Die neue Corona-Variante Omikron habe zwar bislang noch nicht nennenswert in Deutschland Fuß gefasst, sagt Krause. Er geht aber mit Blick auf andere Ländern davon aus, dass sich das bald ändert. "Ich befürchte, dass Omikron in spätestens zwei bis drei Wochen wieder zu einem Anstieg bei den Infektionszahlen führt, vermutlich auch bei den Klinikeinweisungen."

Experte Zeeb sieht das ähnlich: "Es bleibt abzuwarten, wie sich Omikron auswirkt." Noch seien die absoluten bekannten Fallzahlen sehr klein. "Das kann sich aber schnell ändern."

Omikron hat den bisher vorliegenden Daten nach eine deutlich höhere Übertragungsrate als die zuvor dominierende Delta-Variante.

Um Deutschland gegen Omikron zu wappnen, sollten sich so viele Menschen wie möglich impfen und boostern lassen, sagt Krause. "Eine hohe Immunität senkt einerseits das Risiko, sich anzustecken und schwer zu erkranken, andererseits aber auch die Wahrscheinlichkeit, das Virus weiterzugeben."

Maßnahmen beibehalten und strenger umsetzen

Zudem plädiert Krause dafür, die aktuell geltenden Maßnahmen umfassender umzusetzen, statt diese in zu kurzfristigen Intervallen anzupassen oder zu hinterfragen. "Das ist wichtig für die Akzeptanz." Die sich aktuell abzeichnende Entspannung sollte nicht zur voreiligen Aufhebung von Maßnahmen verleiten. "Es sollten jetzt rigoros und lückenlos die 2G-Regeln längerfristig durchgesetzt werden, bis dass wir erkennen können, welche Anpassungen durch Omikron nötig werden", so Krause. Zeeb betont, dass die bewährten Maßnahmen auch gegen Omikron das Richtige seien.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 08. Dezember 2021 um 08:00 Uhr.