Frau Steigleiter riecht an Gewürznelken. | Bildquelle: Simone Blaß

Coronavirus Wie Covid-Patienten wieder riechen lernen

Stand: 08.11.2020 06:55 Uhr

Nicht mehr riechen und schmecken können - viele Covid-19-Patienten klagen darüber. Ihr Leidensdruck ist hoch. Spezielle Riechtrainings sollen helfen.

Von Simone Blaß, SR

Das Virus kam, ohne dass sie es bemerkte: Karin Steigleiter erkrankte im Skiurlaub an Covid-19. Die Krankheit verlief mild - lediglich einen Schnupfen habe sie bemerkt. Doch auch als sie längst wieder gesund war, konnte sie immer noch nicht wieder riechen und schmecken.

Für Steigleiter privat wie beruflich eine verheerende Situation: Denn die 53-Jährige betreibt mit ihrer Familie drei Konditoreien in Saarbrücken. Plötzlich konnte sie nicht mehr beurteilen, wie die Dinge duften und schmecken, die sie verkauft. Beim Kochen musste sie nach Gefühl würzen, im Restaurant auf die Frage: "Hat es geschmeckt?" lediglich mit den Schultern zucken. Auch gefährliche Situationen erlebte sie. So bemerkte sie erst, als der Rauchmelder losging, dass sie eine Plastikhaube im heißen Backofen vergessen hatte. Da war die Küche schon völlig verqualmt.  

Hoher Leidensdruck

Jährlich verlieren rund 50.000 Menschen in Deutschland ihren Geruchs- und Geschmackssinn. Auslöser kann zum Beispiel eine Virusinfektion wie Covid-19 sein. Der Leidensdruck der Betroffenen ist dabei enorm hoch. Denn Riechen und damit verbunden Schmecken hat nicht nur mit Genuss zu tun. Über diese Sinne nehmen Menschen auch Warnsignale wahr. Sie merken zum Beispiel, dass ein Lebensmittel verdorben oder gar giftig ist.

Riechen kann man lernen

Hilfe bekam Steigleiter in der Universitätsklinik des Saarlandes. Hier verordnet Professor Alessandro Bozzato seinen Patienten ein Riechtraining, das sie ambulant zuhause durchführen. Mehrmals täglich müssen sie verschiedene Duftstoffe nacheinander riechen - zum Beispiel Zimt, Gewürznelken, Eukalyptus oder auch Nivea-Creme. Ganz wichtig: Es müssen Düfte sein, die im Gehirn verankert sind.

Deshalb werden bei dem Training in Deutschland andere Stoffe verwendet als zum Beispiel in Japan. Denn es sollen Erinnerungen wachgerufen werden. Im Training weiß der Patient also, was er riechen sollte. Im besten Fall kommt nach intensivem Training genau diese Duftinformation dann auch im Gehirn an. Denn durch die Stimulation mit den Duftstoffen werden geschädigte Nervenbahnen neu verknüpft und die Riechzellen repariert. Man kann riechen also tatsächlich wieder erlernen.

Wie kommt es zu der Störung? Die Viren gelangen über die Nase zu den Riechzellen und wandern dann weiter Richtung Gehirn. Auch dort schädigen sie Nervenzellen, sogenannte Rezeptoren, die für die Sinneswahrnehmung verantwortlich sind - sie entschlüsseln den "Code" des jeweiligen Geruches. Sind jetzt einige dieser Rezeptoren zerstört, wird der Geruch nur noch in Fragmenten wahrgenommen.

Die Folge: Der Code kann nicht entschlüsselt werden - im Gehirn kommt eine Fehlinformation an. Der Patient riecht zum Beispiel an einer Gurke - das Gehirn interpretiert den Geruch aber fälschlicherweise als Benzin. Durch das Riechtraining sollen die geschädigten Rezeptoren reaktiviert werden und Gurke wird wieder als Gurke erkannt.

Prof. Dr. med. Alessandro Bozzato, der kommissarische Leiter der Hals-, Nasen- und Ohrenklinik am Universitätsklinikum des Saarlandes mit einem Schädelmodell, an dem er die Riechzellen und Nervenbahnen zeigt. | Bildquelle: Simone Blaß
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Alessandro Bozzato, der kommissarische Leiter der Hals-, Nasen- und Ohrenklinik am Universitätsklinikum des Saarlandes mit einem Schädelmodell, an dem er die Riechzellen und Nervenbahnen zeigt.

Gute Erfolgsaussichten

Bis das Riechtraining Wirkung zeigt, kann es lange dauern - selbst neun bis zwölf Monate seien keine Seltenheit, sagt Bozzato. Doch die Erfolgsaussichten seien gut, denn der Erholungsprozess werde deutlich beschleunigt im Verhältnis zu den Patienten, die nicht trainierten. Trotzdem: Nicht allen kann geholfen werden. In seltenen Fällen kommen Geruchs- und auch Geschmackssinn überhaupt nicht wieder zurück, bei einigen Patienten bleiben zumindest Defizite.

Das bestätigt auch Jan Löhler vom Deutschen Berufsverband der Hals-Nasen-Ohrenärzte. Trotzdem sei ein Riechtraining das Mittel der Wahl bei einer virusbedingten Geruchsstörung. Zusätzlich seien Nasenspülungen und je nach Schwere der Störung auch Cortison-Nasensprays sinnvoll.

Auch Steigleiter wird so behandelt. Doch obwohl sie seit Juni trainiert, macht sie bislang nur kleine Fortschritte. Immerhin: Inzwischen glaubt sie, den Duft von Gewürznelken immer mal wieder erkennen zu können. Deshalb bleibt sie am Ball. Aufgeben kommt sowieso nicht infrage. Denn zu stark belastet sie ein Alltag ohne Gerüche und Geschmack. Nicht mehr mit Genuss essen, mal einen Wein trinken, den Duft von Wald oder frisch gemähtem Gras einatmen - darauf will sie nicht verzichten. Ihr Ziel ist es, wieder mit allen Sinnen zu genießen.

Über dieses Thema berichteten der NDR am 07. April 2020 um 20:15 Uhr in der Sendung "Visite" und MDR aktuell Radio am 16. Oktober 2020 um 17:30 Uhr.

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