Eine Rentnerin nimmt Geld aus ihrem Portemonnaie | Bildquelle: dapd

Altersversorgung 40 Jahre Arbeit, keine 1000 Euro Rente

Stand: 25.06.2020 14:52 Uhr

40 Jahre oder länger einzahlen und trotzdem weniger als 1000 Euro Rente im Monat herausbekommen: Das ist die Realität für 2,4 Millionen Rentnerinnen und Rentnern. Besonders niedrig sind die Renten von Frauen.

Von Kerstin Palzer, ARD-Hauptstadtstudio

Noch ringt die Koalition um die Einführung der Grundrente, wann der Bundestag über die Vorlage von Arbeitsminister Hubertus Heil abstimmt, ist weiterhin nicht absehbar. Neue Zahlen der Bundesregierung zeigen unterdessen, wie hoch die Zahl der Rentner ist, die trotz vieler Beitragsjahre mit weniger als 1000 Euro im Monat auskommen müssen.

Aus der Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Bundestagsfraktion Die Linke, die dem ARD-Hauptstadtstudio vorliegt, geht hervor, dass von allen Rentnern, die mindestens 40 Jahre in die gesetzliche Rentenkasse eingezahlt haben, 2,4 Millionen weniger als 1000 Euro im Monat herausbekommen.

Das ist - bei denen, die 40 Jahre eingezahlt haben - jeder dritte Rentner. Bei 45 Jahren ist es immer noch jeder Fünfte. Insgesamt bekommen von den 21 Millionen Rentnerinnen und Rentner in Deutschland 17 Millionen eine Rente von unter 1000 Euro im Monat und fast jeder zweite sogar weniger als 800 Euro. Allerdings sind in diesen Zahlen auch Selbstständige oder Beamte enthalten, die zusätzlich zur gesetzlichen Rente noch andere Alterszahlungen bekommen, wie eine Pension oder Zahlungen aus privater Vorsorge.

Durch die jetzt vorliegenden Zahlen wird klar: Der Traum von der auskömmlichen Rente kann also auch platzen, wenn man viele Jahre seine Beiträge ins gesetzliche Rentensystem geleistet hat.

Frauen haben besonders niedrige Renten

Das Problem liegt in den Biografien von Millionen von Menschen. Wer in der Vergangenheit in Teilzeit, im Niedriglohnbereich oder nur einige Jahre lang gearbeitet hat, der kann im Alter nur eine geringe oder sehr geringe Rente erwarten. Das betrifft vor allem Frauen. Ihr durchschnittlicher Rentenbetrag aus der gesetzlichen Rente beträgt 693 Euro monatlich.

Es sind die typischen Arbeitsbiografien von Frauen, wie sie in Westdeutschland üblich waren: Der Mann verdient das Geld, die Frau kümmert sich um Haushalt und Kinder und verdient "noch ein bisschen was dazu". Dieses System geht nur auf, wenn die Partnerschaft auch im Alter bestehen bleibt und beide Renten zusammengelegt werden. Dann reicht es. Wer aber auf sich allein gestellt ist und nie regelmäßig und gut verdient hat, der fällt in Altersarmut.

Kurz vor dem Mauerfall hatten 90 Prozent der Frauen in der DDR einen Job. Im Westen war es nur jede zweite FrauDass Frauen in Ostdeutschland deutlich öfter außerhäusig gearbeitet haben, zeigt auch die Rentenstatistik: Im Osten liegt der durchschnittliche Wert bei 907 Euro, also immerhin 214 Euro höher als bei westdeutschen Frauen.

Niedrige Löhne geben im Alter keine Sicherheit

Gesamtdeutsch und für Männer und Frauen bleibt das Problem, dass geringe Löhne keine finanzielle Sicherheit im Alter bringen. Der Chef der Linken-Fraktion im Bundestag, Dietmar Bartsch, sagt dazu: "Löhne und Renten sind vielfach zu niedrig in Deutschland. Dass Millionen Menschen so wenig Rente erhalten, obwohl sie jahrzehntelang eingezahlt haben, untergräbt das Vertrauen in die gesetzliche Rente." Man brauche dringend Reformen - "unter anderem einen gesetzlichen Mindestlohn von 12 Euro und ein deutlich höheres Rentenniveau".

Weil viele Menschen aber nicht nur von der gesetzlichen Rente leben, lohnt ein Blick in den Bericht der Sozialhilfe. Grundsicherung im Alter erhält demnach, wer durchschnittlich weniger als 796 Euro im Monat bekommt. Das sind aktuell 560.000 Menschen in Deutschland und damit drei Prozent der Bevölkerung über 65.

Auch hier sind Frauen in der Mehrzahl - und man geht davon aus, dass die Zahl steigt. Absehbar sei laut des Berichts, dass künftig deutlich viel mehr Rentner von Altersarmut betroffen sein werden.

Kann die Grundrente helfen?

Das ist ein Grund für das Lieblingsprojekt von Bundessozialminister Hubertus Heil (SPD): die Grundrente.  "Wir sind davon überzeugt, dass der Rechtsanspruch auf Grundrente zum 1. Januar 2021 kommt", heißt es aus dem Ministerium. Trotz aller politischer Widerstände von CDU und FDP - und trotz Corona.

Doch auch mit der Grundrente ist die Linke nicht zufrieden. Sie fordert eine sogenannte "Anerkennungsstufe der Lebensleistung". Denn ob man 33, 35 oder 45 Jahre lang in die gesetzliche Rentenkasse eingezahlt hat, wird nach dem geplanten Modell von Heil nicht unterschieden. Das findet die Linke ungerecht. Fraktionsvorsitzender Bartsch meint, das dürfe nicht so bleiben. "Wir brauchen eine einkommens- und vermögensgeprüfte solidarische Mindestrente als Antwort auf zunehmende Altersarmut. Niemand soll im Alter von weniger als 1050 Euro netto leben müssen."

Was die zukünftigen Rentner angeht: Es werden insgesamt mehr Menschen in Rente gehen, die zuvor nur in Teilzeit gearbeitet haben. Zumindest bei Frauen ist die Teilzeitquote in den vergangenen Jahren deutlich angestiegen. Und es gibt ein weiteres Problem das speziell Rentnerinnen betrifft: Frauen arbeiten oft in Berufen im Gesundheitswesen, in der Pflege oder im Dienstleistungsbereich. Das sind Jobs, in denen man schlecht verdient und damit auch nur eine geringe Rente erwarten kann. Dass man diese Berufe heute systemrelevant nennt, ändert daran nichts.

Über dieses Thema berichtete MDR-aktuell am 25. Juni 2020 um 15:36 Uhr.

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Kerstin Palzer, MDR

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