Ein Lehrer steht in einem Gymnasium an der Tafel. | Bildquelle: picture alliance / Julian Strate

Quereinsteiger an Schulen Zwei Wochen Crashkurs - und dann Lehrer

Stand: 16.08.2018 19:30 Uhr

In ganz Deutschland fehlen ausgebildete Lehrer - vor allem an Grundschulen. In die Lücke springen vielerorts Quereinsteiger. Doch die sind zum Teil völlig unzureichend vorbereitet.

Von Sandra Stalinski, tagesschau.de

Friedolin Kramer* ist studierter Informatiker. Als Softwareentwickler in der freien Wirtschaft hatte er kein Problem, eine Stelle zu finden. Dennoch entschied er sich ganz bewusst für eine andere Laufbahn: den Lehrerberuf. "Ich hatte in einer Fachzeitschrift einen Artikel über Informatikunterricht gelesen und gemerkt: Das ist es, was ich machen will - mein Fachwissen an junge Menschen weitergeben."

Er begann - zunächst als Vertretungslehrer - an einer Sonderschule in Berlin-Wedding. Heute ist er einer von Tausenden Quereinsteigern bundesweit. Also ein Lehrer, der unterrichtet, ohne ein reguläres Lehramtsstudium absolviert zu haben. Die allermeisten Bundesländer behelfen sich durch solche - mehr oder weniger ungelernten - Lehrkräfte, um dem massiven Fachkräftemangel beizukommen. Gäbe es sie nicht, könnten jedes Schuljahr Tausende Lehrerstellen nicht besetzt werden.

Berlin: Nur 30 Prozent der neuen Gundschullehrer sind ausgebildet

"Jede besetzte Stelle ist besser als eine unbesetzte Stelle", heißt es aus der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie in Berlin. So wird gerechtfertigt, dass der Anteil an Lehrern ohne Lehramtsausbildung in Berlin besonders hoch ist. Weniger als 40 Prozent der neu eingestellten Lehrer haben in diesem Schuljahr eine reguläre Lehrerausbildung. Der Rest sind Quereinsteiger oder "Lehrkräfte ohne volle Lehrbefähigung", sogenannte LovLs. Bei Letzteren handelt es sich meist um Lehrer aus Willkommensklassen, die jetzt in den regulären Unterricht wechseln.

Der Anteil bei den Grundschullehrern ist noch viel höher. In Berlin haben lediglich 30 Prozent bei den Neueinstellungen überhaupt eine Lehramtsausbildung. Und nur zwölf Prozent sind regulär für den Grundschulunterricht ausgebildet. Markus Hanisch von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) findet das besorgniserregend. "Gerade dort, wo pädagogische Fähigkeiten besonders gefragt sind, ist der Anteil der Quereinsteiger am höchsten." Gleiches gilt beispielsweise für Brennpunktschulen.

"Ins kalte Wasser geschmissen"

Obwohl Quereinsteiger oft mit großer Motivation in den Lehrerberuf starten, sind sie oft nicht gut vorbereitet auf ihren Einsatz in der Schule. "Ich wurde komplett ins kalte Wasser geworfen", erzählt Friedolin Kramer im Gespräch mit tagesschau.de. Anfangs wusste er noch nichtmal, welchen Stoff er seinen Schülern eigentlich vermitteln soll. Die Schulbücher halfen da nicht viel. Denn an einem sogenannten Förderzentrum für Schüler mit Lernbehinderung unterrichtet er in ein und derselben Klasse nicht-deutschsprachige Analphabeten zusammen mit Schülern, die das Niveau einer 5. oder 6. Sonderschulklasse haben.

Noch dazu hat er es an einer Brennpunktschule häufig auch mit sozialen und emotionalen Problemen der Schüler zu tun. Wie er mit all diesen Herausforderungen umgehen soll, das hatte ihm niemand beigebracht. "Einmal ist ein Schüler ausgerastet und ich wusste überhaupt nicht, wie ich reagieren soll", sagt Kramer. Sollte er ihn ins Sekretariat bringen? Was passiert dann mit dem Rest der Klasse? Vor allem bei solchen praktischen Fragen fühlte er sich allein gelassen. "Anfangs hatte ich manchmal das Gefühl, verheizt zu werden."

Besser schlecht qualifizierte Lehrer als gar keine?

Es ist durchaus anerkennenswert, dass Berlin es geschafft hat, die Lücke der unbesetzten Stellen zu schließen, findet auch die GEW. In anderen Bundesländern wie Bremen oder Sachsen gibt es zum Schulstart noch Hunderte offene Stellen. Unbestritten ist allerdings, dass die Qualität des Unterrichts bei mangelnder Ausbildung der Lehrer leidet. Lediglich zwei Wochen Crashkurs bekommen Berliner Quereinsteiger vor Unterrichtsbeginn. Erst im laufenden Schuljahr nehmen sie gemeinsam mit den regulären Referendaren an Fachseminaren teil, in denen sie die praktische Lehrerarbeit lernen.

Hinzu kommt: Anders als die Referendare haben Quereinsteiger in Berlin eine viel höhere Lehrverpflichtung. 18 Stunden müssen sie von Anfang an eigenständig unterrichten. Zum Vergleich: Referendare müssen zehn Stunden unterrichten - und die häufig zunächst mit einem Betreuungslehrer gemeinsam. Fertige Vollzeitlehrer müssen 26 Stunden unterrichten.

60- bis 70-Stunden-Wochen sind normal

Für Friedolin Kramer und die anderen Quereinsteiger kommt zu der hohen Lehrverpflichtung noch das Studium eines Zweitfachs hinzu. In seinem Fall: Mathematik. Das braucht er, um in Berlin vollwertiger Lehrer zu werden. Seine wöchentliche Arbeitsbelastung ist enorm. 60- bis 70-Stunden-Wochen sind für ihn normal. Zeit für sich selbst und die Familie hat er kaum, außer in den großen Ferien.

So wie ihm geht es auch den allermeisten anderen Quereinsteigern, wie Till Zoppke aus eigener Erfahrung weiß. Auch er ist Diplominformatiker, hat den Quereinstieg gerade hinter sich und unterrichtet an einem Gymnasium in Berlin-Tiergarten. Zum Abschluss seiner Ausbildung hat er eine Umfrage bei seinen Kollegen gemacht: Mehr als die Hälfte der von ihm befragten Quereinsteiger gaben an, über 60 Stunden die Woche gearbeitet zu haben.

Entlastung von Schulen mit vielen Quereinsteigern

"Die Arbeitsbelastung der Quereinsteiger ist riesig", sagt auch Hanisch von der GEW Berlin zu tagesschau.de. "Sie machen in aller Regel eine gute Arbeit, aber sie bräuchten dringend mehr Unterstützung." Die GEW fordert deshalb schon lange mehr Qualifizierung für Quereinsteiger, eine größere Entlastung bei der Unterrichtsverpflichtung und vor allem auch mehr Entlastung der Kollegen an Schulen, die viele Quereinsteiger haben.

Gerade das, sagen auch Kramer und Zoppke, sei besonders wichtig. Durch die praktischen Tipps und die Erfahrung der Kollegen vor Ort sei ihnen am meisten geholfen worden. Doch selbst der hilfsbereiteste Kollege habe dafür im Schulalltag nur bedingt Zeit.

* Name von der Redaktion geändert

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