Stephan E., der Angeklagte im Lübcke-Prozess  | Bildquelle: KAI PFAFFENBACH/POOL/EPA-EFE/Shu

Gutachten im Lübcke-Prozess Ohne echte Reue

Stand: 19.11.2020 20:17 Uhr

Im Prozess um den Mord an Walter Lübcke hält ein Gutachter Stephan E. für schuldfähig. Die Reue sei nicht authentisch, der Angeklagte zeige kaum Empathie. Im Falle einer Verurteilung droht Sicherungsverwahrung.

Heike Borufka, HR

Als Stephan E. nur drei Wochen nach dem tödlichen Schuss auf Regierungspräsident Walter Lübcke sein Geständnis abgab, da wirkte das auf die meisten Beobachter wie eine Lebensbeichte. In dieser Vernehmung durch die Kasseler Polizei, aufgezeichnet auf Video und vorgeführt im Prozess am Oberlandesgericht Frankfurt, entschuldigte sich E. am Ende rund fünf Minuten lang bei der Familie Lübcke. Von Reue sei das getragen gewesen und der richtige Weg, sagte der Anwalt der Familie Lübcke im Prozess dazu.

Kontrollierte Reue, kaum Emphatie

Die Reue aber war kontrolliert, nicht spontan. So bewertet es Norbert Leygraf an diesem Donnerstag. Die Entschuldigung hält der forensische Psychiater, der auch den Attentäter von Halle und Beate Zschäpe begutachtet hat, für nicht authentisch. Sie sei zu dramatisch, passe nicht zu der monotonen Art, in der Stephan E. normalerweise spricht. Im Prozess, sagt er, zeige er nur nach Aufforderung Empathie. Etwa, als ihn Oberstaatsanwalt Dieter Kilmer fragt, wie es mit der Schuld sei und er unter Tränen antwortet, jedes Wort an die Familie Lübcke klinge doch heuchlerisch.

Der Psychiater Norbert Leygraf ist ein erfahrener und renommierter Experte in zahllosen Prozessen. Es vergeht nur etwa eine halbe Stunde, bis er den für den Angeklagten entscheidenden Satz sagt: Bei Stephan E. liege aus psychiatrischer Sicht ein Hang vor - ein Hang zu schweren Straftaten. Das ist die Voraussetzung für die Anordnung der Sicherungsverwahrung, die mit dem heutigen Tag sehr wahrscheinlich geworden ist.

Ausgeprägter Ausländerhass beim Angeklagten

Anders als einige Prozessbeobachter es gesehen haben wollen, habe sich Stephan E. innerlich nie von der rechten Szene gelöst. Innere Abkehr, diese zwei Worte verwendet Leygraf in Bezug auf den mutmaßlichen Lübcke-Mörder häufig an diesem entscheidenden Verhandlungstag. Er spricht von einem tief eingeschliffenen inneren Zustand, einer tief in ihm verankerten Wertevorstellung. Einem dort sitzenden, ausgeprägten Ausländerhass. Der offenbar gleich wieder gewesen sei - der behaupteten Abkehr vom Rechtsextremismus zum Trotz. Dafür reichten nach Aussage von E. ein paar Gespräche mit dem Mitangeklagten Markus H.. Eine innere Abkehr könne das nicht gewesen sein, meint der psychiatrische Sachverständige.

Stephan E. wird abgeführt | Bildquelle: dpa
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Der Hauptangelagte Stephan E. habe sich innerlich nie von der rechten Szene losgesagt, attestiert ein Gutachter.

Vorbereitung auf einen nahenden Bürgerkrieg

Der Gutachter beschreibt Stephan E. als einen emotional kühlen, unbewegten, wenig empathischen, zurückhaltenden Menschen. Einen Einzelgänger, der keine Freunde habe, sondern dessen Beziehungen allein über gemeinsame politische Ansichten entstünden. Einen heute 47-Jährigen, der sich auf der einen Seite ein bürgerliches Leben mit Frau, Kindern und Eigenheim aufgebaut habe und der sich auf der anderen Seite aus seiner rechtsradikalen und ausländerfeindlichen Grundeinstellung heraus auf einen nahenden Bürgerkrieg vorbereitet habe. Der ein Waffenlager angelegt und Schießübungen gemacht habe. E. selbst hat das im Ermittlungsverfahren und vor Gericht so erzählt.

Stephan E. ist schuldfähig

Stephan E. trägt laut Gutachter Leygraf schizoide Persönlichkeitszüge. Er sei nach außen zurückgenommen und distanziert, aber innerlich sehr empfindlich, wenn es um ihn ginge. E. ist laut Gutachten persönlich leicht gekränkt und fühlt sich tatsächlich oder vermeintlich häufig ungerecht behandelt. Und: Er ist voll schuldfähig. Nichts, was der Gutachter über ihn sagt, deute auf eine so schwere seelische Störung hin, dass Einsicht- oder Steuerungsfähigkeit auch nur gemindert gewesen sein könnten, sagt Leygraf.

Eine Schlüsselszene ist die Bürgerversammlung in Lohfelden, in der Walter Lübcke mit seinem leidenschaftlichen Auftreten zur Hassfigur der rechten Szene wurde. Als der Sachverständige schon spät am Verhandlungstag gefragt wird, ob es denn sein könne, dass Stephan E. drei Jahre nach der Szene eine solche Tat geplant haben könnte, bejaht er das. Das liege bei seiner Persönlichkeit nicht ganz fern. Ein Mensch also, der nicht vergesse. Der allein schon deshalb nicht vergesse, weil er diese Werte schon so lange in sich trage. "Die Tat stand im Zusammenhang mit seiner inneren Überzeugung", sagt Leygraf. Weder Haft noch gute soziale Rahmenbedingungen wie Familie, Eigenheim und Arbeit hätten das in den vergangenen Jahrzehnten geändert. Und deshalb sei Stephan E. ein Hangtäter.

Keine Mimik, keine Gestik, keine Fragen

Seine Bereitschaft, am einem Aussteigerprogramm für Rechtsextreme teilzunehmen, sage noch gar nichts aus. Wie ernst das gemeint sei, lasse sich erst nach einer längeren Teilnahme beurteilen.

Stephan E., der am Morgen über seine Verteidiger erklären ließ, er sei nicht verhandlungsfähig, hält den Blick fast den ganzen Tag über gesenkt. Keine Mimik, keine Gestik, keine Fragen.

Über dieses Thema berichtete der HR in der Sendung Hessenschau am 19. November 2020 um 19:30 Uhr.

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