Stephan B. mit Anwälten während des Prozesses in Halle. | Bildquelle: REUTERS

Angriff auf Synagoge in Halle Klares Geständnis, keine Reue

Stand: 21.07.2020 17:16 Uhr

In Magdeburg steht der mutmaßliche Attentäter von Halle vor Gericht. Ihm wird Mord in zwei Fällen sowie versuchter neunfacher Mord vorgeworfen. Zum Prozessauftakt äußerte sich der Angeklagte ausführlich.

Im Prozess um den Anschlag auf eine Synagoge in Halle an der Saale hat sich der angeklagte Stephan B. ausführlich zu den Tatvorwürfen geäußert. Der 28-Jährige gestand zum Prozessauftakt in Magdeburg, er habe versucht, mit Waffen und Sprengstoff in das jüdische Gotteshaus einzudringen. Er habe sich den 9. Oktober für den Anschlag ausgesucht, weil an diesem Tag die Juden ihren höchsten Feiertag Jom Kippur begehen.

Tatort vor dem Attentat ausgekundschaftet?

B. sagte vor Gericht, er sei bereits im Sommer davor mehrfach an der Synagoge vorbeigelaufen, um möglichst viel darüber in Erfahrung zu bringen. Auf die Frage der Vorsitzenden Richterin Ursula Mertens, was er mit all seinen Waffen vorgehabt habe, die er dann am Tattag mit seinem Mietwagen zur Synagoge transportierte, antwortete der Angeklagte allerdings ausweichend. Er habe ja noch nicht einmal gewusst, "ob es eine besuchte Synagoge ist".

Aus seiner rassistischen Gesinnung machte der 28-Jährige von Anfang an keinen Hehl. Schon bei Fragen zu seinem persönlichen Werdegang sprach er mehrfach abwertend über Zuwanderer in seinem Dorf im Süden Sachsen-Anhalts.

Ein klares Geständnis legte der 28-Jährige im Zusammenhang mit der Tötung einer 40-jährigen Passantin ab. B. erschoss die Frau, nachdem es ihm trotz mehrfacher Versuche nicht gelungen war, in die Synagoge einzudringen. Vor Gericht sprach er von einer "Kurzschlussreaktion". "Hätte ich das nicht gemacht, hätten mich alle ausgelacht", sagte er mit Blick auf seine live von ihm ins Internet übertragenen Taten. Die Frau habe ihn "angeschnauzt". Es tue ihm leid, dass er sie getötet habe.

Widerwillige Antworten auf persönliche Fragen

Ebenfalls ausführlich äußerte sich der Angeklagte zur Beschaffung und dem Bau der mutmaßlichen Tatwaffen. Fragen zu seiner Kindheit und Jugend hingegen beantwortete er nur widerwillig und kurz angebunden. "Die Tat hat keinen Bezug zu meiner Familie", sagte Stephan B. Auf Nachfragen der Vorsitzenden Richterin sagte er, seine Eltern hätten sich getrennt, als er 14 oder 15 Jahre alt gewesen sei. Das Verhältnis zu beiden Eltern und Schwestern sei gut. Seine Lieblingsfach in der Schule sei Biologie gewesen, Englisch seine Schwäche. Gute Freunde habe er nicht gehabt, er sei auch in keinem Verein gewesen. Er habe vor allem Interesse am Internet gehabt, weil man sich dort frei unterhalten könne.

Nach dem Abitur habe er einen verkürzten Wehrdienst absolviert, sei sechs Monate Panzergrenadier in Niedersachsen gewesen. Er habe den Wehrdienst "anstrengend und doof" gefunden, es sei "keine richtige Armee" gewesen. Zum Studium sei er nach Magdeburg gegangen. Er habe es wegen einer Krankheit abgebrochen, habe danach keine Pläne mehr für die Zukunft gehabt und in den Tag hineingelebt. "Nach 2015 hab ich entschieden, nichts mehr für diese Gesellschaft zu tun", sagte der 28-Jährige. Da sich der Angeklagte auch rassistisch äußerte, rügte ihn die Vorsitzende Richterin bei der Wortwahl und drohte ihm mit dem Ausschluss vom Verfahren.

Prozessbeginn gegen mutmaßlichen Attentäter von Halle: Kundgebung von Opfern vor Landgericht
tagesthemen 22:19 Uhr, 21.07.2020, Sven Knobloch, MDR

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Aus Platzgründen Verhandlungen in Magdeburg

Stephan B. sitzt seit dem Tag des Anschlags in Untersuchungshaft. Zuständig für den Prozess ist das Oberlandesgericht Naumburg. Aus Platzgründen wird allerdings in den Räumlichkeiten des Magdeburger Landgerichts verhandelt - in Sachsen-Anhalts größtem Gerichtssaal, der ehemaligen Bibliothek des Landgerichts. Der Saal umfasst mehr als 300 Quadratmeter. Platz, der zwingend notwendig ist. Allein die Zahl der Nebenkläger ist enorm. Rund 40 sind zum Verfahren zugelassen.

Der Prozess hatte am Mittag mit gut zweistündiger Verspätung begonnen. Die Verzögerung kam aufgrund des großen internationalen Medieninteresses sowie der strengen Sicherheitskontrollen zustande. Zunächst wurde die Anklageschrift verlesen. Dem Angeklagten werden Mord in zwei Fällen und versuchter Mord in neun Fällen vorgeworfen. Ihm droht bei einer Verurteilung eine lebenslange Freiheitsstrafe. Zudem kommt eine anschließende Sicherungsverwahrung in Betracht.

Zentralrat der Juden fordert volle Härte des Gesetzes

Zum Prozessauftakt rief der Zentralrat der Juden dazu auf, beim Urteil die volle Härte des Gesetzes anzuwenden. Zudem müssten die Hintergründe der Tat lückenlos aufgearbeitet und der Frage nachgegangen werden, ob der Attentäter Unterstützer hatte und in rechte Netzwerke eingebunden war, erklärte Zentralratspräsident Josef Schuster in Berlin.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 21. Juli 2020 um 11:00 Uhr.

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