Zwei Pflegerinnen stützen einen Bewohner in einem Pflegeheim. | Bildquelle: picture alliance / dpa

Qualitätsbericht vorgelegt Massive Mängel in der Pflege

Stand: 01.02.2018 14:18 Uhr

8000 neue Stellen planen die GroKo-Verhandler bei der Pflege. Allenfalls ein Tropfen auf den heißen Stein. Denn schon jetzt gibt es viele Mängel in der Pflege. Das zeigt der aktuelle Pflege-Qualitätsbericht.

Von Sandra Stalinski, tagesschau.de

Es ist nicht viel, was die GroKo-Verhandler da planen: 8000 neue Fachkraftstellen in Pflegeheimen als Sofortprogramm. Bessere Bezahlung durch flächendeckende Tarifverträge, ein Qualifizierungsprogramm gegen den Personalnotstand. Nach einer Pflegeoffensive, wie sie noch im Wahlkampf vollmundig angekündigt wurde, klingt das nicht.

Dabei ist der Handlungsbedarf groß. Bereits jetzt gibt es deutliche Mängel in der Pflege, wie der 5. Pflege-Qualitätsbericht des Medizinischen Dienstes des GKV-Spitzenverbands offenlegt. Zwar werden in der Mehrzahl der Pflegeheime und ambulanten Pflegedienste die Standards eingehalten, doch die Zahl der Versäumnisse ist dennoch groß.

Wundversorgung mangelhaft

"Die Berichtsergebnisse zur Versorgungsqualität zeigen, dass weitere Verbesserungen notwendig sind", sagt Peter Pick, Geschäftsführer des MDS. So erfolgt beispielsweise bei jedem vierten Pflegebedürftigen in der stationären Pflege die Wundversorgung nicht nach aktuellem Wissensstand. Gemeint sind hier beispielsweise Patienten, die sich wund liegen und die vom Pflegepersonal so gelagert werden müssten, dass Druckstellen entlastet werden.

Bei fast einem Fünftel der Pflegebedürftigen mit Schmerzen erfolgte laut Bericht keine systematische Schmerzeinschätzung. Das heißt, die Informationen, die für eine geeignete Schmerztherapie notwendig sind, werden vom zuständigen Pflegepersonal nicht eingeholt. Die Pflegebedürftigen leiden also womöglich unter Schmerzen, obwohl das nicht sein müsste.

Pflegehelferin und Bewohnerin eines Seniorenheims | Bildquelle: dpa
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"Weitere Verbesserungen in der Pflege notwendig", sagt MDS-Geschäftsführer Pick

Auch die Medikamentengabe erfolgte in etwa 12 Prozent der Fälle nicht exakt nach ärztlicher Verordnung. Ob es sich dabei um minimale Abweichungen handelt oder ob hier lebenswichtige Medikamente vergessen oder vertauscht werden, geht aus dem Bericht nicht hervor.

"Jeder vierte bis sechste nicht gut versorgt"

"Diese Zahlen können uns nicht zufrieden stellen", sagt der Pflegeforscher Heinz Rothgang im Gespräch mit tagesschau.de. "Ich würde jetzt nicht von einem Skandal sprechen, aber wenn so viele Menschen nicht angemessen versorgt werden, ist das doch beunruhigend." Auch der Pflegeexperte Frank Weidner ist mit den Ergebnissen des Berichts alles andere als zufrieden: "Wenn bei allen untersuchten Indikatoren jeder vierte bis jeder sechste nicht richtig versorgt wird, muss uns das schon zu denken geben."

Rund 13.000 Pflegeheime und 13.000 ambulante Pflegedienste werden in der Regel jährlich vom MDS der Krankenkassen überprüft. Die Ergebnisse sind repräsentativ für die Pflege in Deutschland. Doch es gibt auch eine Reihe von Indikatoren, die die Prüfer nicht untersuchen. Häufige Probleme wie Dehydration oder Mangelernährung werden beispielsweise im ambulanten Bereich überhaupt nicht erfasst, sagt Rothgang.

Der allgegenwärtige Personalnotstand ist ebenfalls nicht Untersuchungsgegenstand. Auch bei den vielen Pflegebedürftigen, die ohne ambulanten Pflegedienst zu Hause betreut werden, haben die Prüfer vom MDS keine Einblicke. Und das ist immerhin etwa die Hälfte aller Pflegebedürftigen. Ein umfassendes Bild über den Zustand der Pflege, kann dieser Bericht laut Rothgang also nicht liefern.

"Viel zu wenige neue Stellen geplant"

Dass die bestehenden Mängel mit den aktuellen Plänen der GroKo-Verhandler behoben werden können, glauben die beiden Experten nicht. Rund 50.000 Stellen zusätzlich bräuchte es in der Altenpflege, hat Frank Weidner mit seinem Institut für angewandte Pflegeforschung errechnet. Die von einer künftigen GroKo geplanten 8000 Stellen reichten da hinten und vorne nicht. "Pro Heim wären das gerade mal 0,6 Stellen, wir bräuchten aber eigentlich vier." Und von Stellen für die Krankenpflege ist erst gar nicht die Rede, obwohl auch hier laut seinen Prognosen 50.000 weitere Stellen notwendig wären. "Dass die 8000 zusätzlichen Stellen die einzige konkrete Zahl ist, die genannt wird, ist verdächtig. Dabei wird es vermutlich dann auch bleiben und das ist viel zu wenig", sagt er zu tagesschau.de.

Bewohner in einer Einrichtung für Demezkranke in Kalsow
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Weidner: "Es fehlt ein Innovationsprogramm für die Pflege."

Seine Kritik an den GroKo-Plänen ist grundsätzlicher Natur: "Wir bräuchten ein Innovationsprogramm für die Zukunft der Pflege. Hier müsste investiert und geforscht werden, um neue Konzepte der Versorgung und der Ausbildung zu entwickeln." Davon sei aber nirgends die Rede. "Stattdessen befinden wir uns in einem Reparaturbetrieb, wo hier und da mal etwas verbessert wird. Die Menschen wollen aber eine grundlegende Verbesserung." Zumal in absehbarer Zeit ja eine noch viel höhere Zahl an Pflegebedürftigen auf uns zukäme. Wie man das bewältigen wolle, dazu gäbe es von Union und SPD überhaupt keine Vorschläge.

Auf Kosten der Pflegebedürftigen?

Heinz Rothgang von der Uni Bremen vermisst zudem einen Hinweis darauf, woher das Geld für eine bessere Bezahlung von Pflegepersonal kommen soll. "Nach jetzigem Stand sieht es so aus, dass das eins zu eins an die Pflegebedürftigen weitergegeben wird. Wenn man das verhindern will, bräuchte es auch Leistungsverbesserungen in der Pflegeversicherung und damit auch einen höheren Beitragssatz", sagt Rothgang. Davon ist aber derzeit nicht die Rede.

Verbindliche Personalschlüssel für Pflegeheime und Krankenhäuser, wie sie im Sondierungspapier von Union und SPD festgehalten sind - und aller Voraussicht nach auch Eingang in den Koalitionsvertrag finden werden - sind laut dem Pflegeexperten Weidner zwar die richtige Richtung. Eine echte Reform kann er aber nicht erkennen. Stattdessen geht er davon aus, dass die jetzigen Probleme sich auch durch die GroKo-Beschlüsse nicht ändern werden.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 01. Februar 2018 um 15:00 Uhr.

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