Pflege

Pflege-Paket Zu Lasten der Schwächsten?

Stand: 09.11.2018 11:46 Uhr

Der Bundestag hat das Pflege-Paket beschlossen: Das Gesetz soll Krankenhäusern und Pflegeheimen helfen - doch das könnte ausgerechnet zu Lasten der häuslichen Pflege gehen.

Von Tamara Anthony, ARD-Hauptstadtstudio

Noch nie hat sich Andrea Wahlgren so hilflos gefühlt wie in diesem Frühjahr. Ihre Mutter sollte aus dem Krankenhaus entlassen werden. Aber Wahlgren fand keinen Pflegedienst, der sich zuhause um die kranke Mutter kümmern konnte. "Ich habe etwa 50 Pflegedienste hier in Nordniedersachsen abtelefoniert," erzählt die gelernte Fußpflegerin. Auch der Sozialdienst im Krankenhaus half bei der Suche - vergeblich.

Nach vielen aufreibenden Wochen fand sie endlich einen Pflegedienst. Wie Wahlgren geht es vielen - nicht nur im ländlichen Niedersachsen.

Bundestag verabschiedet Reform in der Pflege
tagesschau 14:00 Uhr, 09.11.2018, Ariane Reimers, ARD Berlin

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Lage wird dramatischer

Auch in Nordrhein-Westfalen spitzt sich die Lage in der häuslichen Pflege zu: Innerhalb eines Monats seien hier hochgerechnet 9000 Absagen erteilt worden, errechnet die Freie Wohlfahrtspflege, die in dem Bundesland etwa 60 Prozent der ambulanten Dienste vertritt. Sie haben über drei Monate ihre Absagen statistisch erfasst.

Eine Pflegekraft geht in einem Pflegeheim mit einer älteren Dame über einen Korridor. | Bildquelle: dpa
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Neues Pflege-Paket: Das Gesetz soll Krankenhäusern und Pflegeheimen helfen.

Problem Personalmangel

"Hinter jedem dieser Anrufe steht ein Schicksal," weiß Anika Kranold. Sie ist die Pflegedienstleiterin beim Familien- und Krankenpflege e.V. Essen. Sie muss täglich die Telefonate mit neuen Pflegebedürftigen oder deren Angehörigen führen. "Früher konnte ich immer noch sagen: Da gibt es noch den einen oder anderen Pflegedienst mit freien Kapazitäten. Inzwischen kann ich gar keine Hoffnung machen," meint Kranold. Das Problem ist der Personalmangel. Händeringend sucht auch Kranold nach neuen Pflegekräften.

Aber der Markt ist leergefegt. Laut Angaben der Arbeitsmarktstatistik der Bundesagentur für Arbeit kommen auf 100 offene Stellen in der Altenpflege nur 21 Arbeitssuchende. Im vergangenen Jahr waren demnach durchschnittlich 36.000 Stellen in der Pflege nicht besetzt.

Schlechte Bezahlung

Besonders eklatant ist der Bedarf in der häuslichen Pflege. Ein Grund ist die schlechtere Bezahlung: Im Schnitt müssen sich die Pflegekräfte hier mit 36 Prozent weniger Gehalt zufrieden geben als im Krankenhaus, ergab eine Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Linkenfraktion.

Gesetz sollte Pflege stärken

"Die Krankenhäuser nutzen den Vorteil, dass sie höhere Löhne zahlen können, versuchen massiv, Personal abzuwerben. Hier in Essen gibt es gerade 1000 Euro Prämie für eine erfolgreiche Vermittlung von Pflegekräften," erkärt Dirk Brieskorn, der Geschäftsführer von Familen- und Krankenpflege e.V. in Essen.

Er stellt sich auf schwierige Zeiten ein. Grund dafür ist das Gesetz, das eigentlich die Pflege stärken soll. Tatsächlich bringt das Gesetz für den Krankenhaus-Bereich enorme Verbesserungen: Künftig gibt es für sie keinen Anreiz mehr, am Pflegepersonal zu sparen. Im Gegenteil: "Es soll eine Konkurrenz um die beste Pflegeversorgung geben", erklärt Karl Lauterbach, SPD-Gesundheitsexperte. Seit den 2000er-Jahren seien 50.000 bis 80.000 Pflegekräfte in der Krankenhauspflege verloren gegangen, weil gespart wurde.

Damit solle nun Schluss sein. Künftig sollen Krankenhäuser komplett auf Kosten der Krankenkassen neues Personal einstellen. Auch für Pflegeheime gibt es Verbesserungen: Immerhin 13.000 Stellen sollen zusätzlich finanziert werden. Doch zwei Drittel der mehr als drei Millionen Pflegebedürftigen werden zuhause gepflegt. Für sie, in der ambulanten Pflege, sieht das Gesetz am wenigsten Verbesserungen vor. "Für den ambulanten Bereich der Pflege ist das kein Stärkungs-, sondern ein Pflege-Schwächungs-Gesetz“, beklagten fast unisono sowohl AfD, FDP, Grüne und Linke bei der ersten Lesung im Bundestag.

Pflegereform
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Suche nach Pflegekräften: Der Personalmangel ist groß.

"Tropfen auf dem heißen Stein"

"Die Förderung des stationären Bereichs der Pflege wirkt wie ein Staubsauger auf den ambulanten Bereich - unsere Pflegekräfte werden abgesaugt werden,“ erklärt Franz Schumacher. Er ist beim Paritätischen in Nordrhein-Westfalen für die ambulanten Dienste zuständig. Immerhin wurde noch in letzter Minute auch für die ambulante Pflege eine Verbesserung ins Gesetz geschrieben: Künftig dürfen Krankenkassen die Bezahlung von Tariflöhnen nicht als unwirtschaftlich ablehnen.

"Das ist aber nur ein Tropfen auf den heißen Stein," meint Schumacher vom Paritätischen. "Es bräuchte ein Gesamtkonzept. Jetzt werden die Bereiche gegeneinander ausgespielt - und das geht letztlich zu Lasten der Schwächsten und das ist in der Pflege der ambulante Bereich."

Schumacher befürchtet, dass die Erfahrung von Wahlgren, die erst nach 50 Anrufen einen Pflegedienst fand, bald zum Standard werden.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 09. November 2018 um 01:54 Uhr.

Korrespondentin

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