Kugelschreiber der Parteien | Bildquelle: picture alliance

Große Parteien Mitgliederschwund kaum aufzuhalten

Stand: 06.08.2019 02:15 Uhr

Die großen Parteien verlieren seit 1990 kontinuierlich Mitglieder. Nur AfD und Grüne wachsen weiter. Politikwissenschaftler gehen davon aus, dass der Negativtrend nicht mehr umkehrbar sei.

Von Vera Wolfskämpf, ARD-Hauptstadtstudio

Warum Menschen nicht mehr in Parteien eintreten, hat viele Gründe. Oskar Niedermayer von der Freien Universität Berlin forscht seit langem dazu. Die Gesellschaft habe sich individualisiert, die alten, festen Milieus gebe es nicht mehr. Außerdem könnten sich Menschen auch außerhalb von Parteien politisch engagieren.

Die Folge: Seit 1990 schrumpfen die großen Parteien kontinuierlich. Ein Problem, findet Politikwissenschaftler Niedermayer:

"Je weniger Mitglieder sie haben, desto geringer ist die gesellschaftliche Verankerung der Parteien und deswegen auch die Fühler, die die Parteien in die Gesellschaft ausstrecken, um bestimmte Entwicklungen möglich schnell zu erkennen."

Traditionelle Parteiarbeit - nicht mehr zeitgemäß

Niedermayer hat in einer Studie die aktuellen Zahlen ausgewertet. Die CDU mit 415.000 und die SPD mit 438.000 Mitgliedern sind immer noch die beiden größten Parteien. Aber 2018 haben beide Mitglieder verloren: Die CDU schrumpfte um 11.000, die SPD um 5000. Aber auch FDP, Linkspartei und CSU verzeichnen seit 1990 deutlich weniger Mitglieder.

Abends zum Ortsverein, die ganze Ochsentour durch die Parteigremien - das ist nicht mehr zeitgemäß, wissen auch viele in der SPD.

Christina Kampmann | Bildquelle: dpa
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Christina Kampmann möchte SPD-Chefin werden.

Christina Kampmann möchte Parteichefin werden. Damit mehr Leute bei der SPD mitarbeiten, schlägt sie vor: "Dass wir zukünftig auch Listenplätze mit Leuten besetzen wollen, die der Idee der Sozialdemokratie zwar nahestehen, aber vielleicht noch kein Mitglied sind. Auch weil wir wissen, dass es gerade einen Zeitgeist gibt, sich besonders junge Menschen nicht mehr gleich an eine Partei binden wollen."

Große Parteien können Negativtrend nicht aufhalten

Generell stärken viele Parteien die Rolle ihrer Mitglieder. Sie lassen sie über Koalitionen und Vorsitzende abstimmen oder online an Parteiprogrammen mitschreiben. Das seien gute Anreize, findet Politikwissenschaftler Niedermayer. Er glaubt aber, dass die großen Parteien den Negativtrend nicht umkehren können - höchstens stoppen.

Anders sieht es derzeit bei AfD und Grünen aus, die beide deutlich wachsen. Niedermayer erklärt es mit dem Fokus auf die Flüchtlings- und Klimafrage:

"Beide Parteien - die AfD und die Grünen - sind die Pole auf den gegnerischen Seiten der Konfliktlinie und ziehen da durchaus Leute an."

Polarisierung der Themen

Die Grünen haben vergangenes Jahr 15,7 Prozent Mitglieder gewonnen, nun sind es 75.000. Aber eine Polarisierung sieht Bundesgeschäftsführer Michael Kellner höchstens bei der Frage, wie offen die Gesellschaft sein soll, nicht beim Klima:

"Was wir sehen ist, dass das Klimathema in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist. Deswegen ist es keine Polarisierung, sondern einfach ein ganz breites Wahrnehmen von Problemlagen, die wir als Grüne lösen wollen und wo uns eine hohe Kompetenz zugebilligt wird."

AfD will "die richtigen" Mitglieder

Die AfD hat mittlerweile 33.500 Mitglieder. Innerhalb eines Jahres stieg die Zahl um 21,3 Prozent. Man wolle nicht zu schnell wachsen, sagt Georg Pazderski, stellvertretender Bundessprecher der AfD:

"Das bedeutet, wir haben pro Jahr einen Zuwachs von 3000 bis 4000 Mitgliedern und damit sind wir zufrieden."

Laut Pazderski wolle die Partei "die richtigen Leute" für sich gewinnen. Die AfD prüfe deshalb jeden Beitritt.

In den vergangenen drei Jahren ist auch die FDP wieder gewachsen. Und die Generalsekretärin der Liberalen, Linda Teuteberg, wirbt dafür, in Parteien einzutreten:

"Es ist ganz wichtig, Wertschätzung und Respekt auch zu stärken für das ehrenamtliche Engagement in Parteien. Jeder, der das kritisiert, ist aufgerufen, sich selbst zu fragen: Kann ich mich nicht auch engagieren, sollte ich nicht mitmachen?"

Für eine starke Demokratie trage laut Teuteberg jede und jeder Verantwortung.

Parteien mit weniger Mitgliedern, außer AfD und Grüne
Vera Wolfskämpf, ARD Berlin
05.08.2019 17:44 Uhr

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Über dieses Thema berichtete MDR Aktuell am 06. August 2019 um 05:10 Uhr.

Korrespondentin

Vera Wolfskämpf  | Bildquelle: Jens Jeske/www.jens-jeske.de Logo MDR

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