Feuerwehrleute retten in der Speicherstadt während einer Sturmflut beim Hochwasser der Elbe einen Mann aus seinem Auto. | dpa

Orkantief "Zeynep" wütet in Deutschland

Stand: 19.02.2022 11:30 Uhr

Das Orkantief "Zeynep" ist in der Nacht über Deutschland gefegt - dabei kamen mindestens zwei Menschen ums Leben. Der Wetterdienst DWD hob seine Warnung vor extremen Orkanböen an der Nordsee mittlerweile auf - ebenso die Unwetterwarnungen für NRW.

Mindestens zwei Menschen sind in Deutschland durch das Orkantief "Zeynep" ums Leben gekommen. In der niedersächsischen Gemeinde Wurster Nordseeküste ist ein Mann während des Sturms von einem Dach gestürzt und gestorben. Der 68-Jährige habe in der Nacht versucht, das beschädigte Dach eines Stalls zu reparieren, teilte die Polizei mit. Dabei sei er durch das Dach gebrochen und rund zehn Meter in die Tiefe gestürzt.

Ein Autofahrer starb nach Angaben der Polizei gestern Abend bei Altenberge in Nordrhein-Westfalen, als er mit dem Auto gegen einen quer auf der Fahrbahn liegenden Baum prallte. Der eingeklemmte 56-Jährige sei noch am Unfallort gestorben.

In dem vorherigen Orkantief "Ylenia" waren mindestens drei Autofahrer in Niedersachsen und Sachsen-Anhalt bei wetterbedingten Unfällen gestorben: Zwei wurden von umstürzenden Bäumen erschlagen, ein dritter starb, als sein Anhänger im Sturm auf die Gegenfahrbahn geriet und es dabei zu einem Unfall kam.

Sehr schwere Sturmflut in Hamburg

In Hamburg erreichte die Elbe am Pegel St. Pauli am gegen 5.30 Uhr 3,75 Meter über dem mittleren Hochwasser, wie das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie mitteilte. Damit erreichte die Hansestadt erstmals seit 2013 wieder eine sehr schwere Sturmflut mit mehr als 3,5 Metern über dem mittleren Hochwasser. In der überfluteten Speicherstadt rettete die Feuerwehr zwei Männer, die mit ihrem Auto eingeschlossen waren. Laut Polizei waren die Männer stark unterkühlt und wurden vorsorglich in ein Krankenhaus gebracht.

Der Deutsche Wetterdienst (DWD) hatte im Laufe des Abends in Kiel, Hamburg, auf Sylt und auf Helgoland Windstärken zwischen neun und elf gemessen, in Büsum wurde eine Orkanböe mit 143,3 Kilometer pro Stunde festgestellt.

In Bremen stürzt 55 Meter großer Baukran um

In Bremen musste wegen eines erwarteten Hochwassers ein Parzellengebiet in der Pauliner Marsch evakuiert werden, sagte eine Polizeisprecherin. "Das ist Jahre her, dass wir zu so einer Maßnahme greifen mussten." Zudem stürzte ein 55 Meter großer Baukran in ein im Rohbau befindliches Bürogebäude. "Es sieht verheerend aus", sagte ein Feuerwehrsprecher. Auch ein gerade vorbeifahrender Laster sei in der Nacht auf den Samstag von dem Kran erwischt worden. Der Fahrer sei aber unverletzt geblieben.

An der Küste im Bereich Aurich und Leer in Niedersachsen wurde es nach Angaben eines Sprechers der Polizei erst ab 3.00 Uhr merkbar ruhiger. Ein Sprecher der Feuerwehr dort zählte bis dahin insgesamt fast 500 Einsätze.

Strände auf Nordseeinseln weggespült

Die Nordseeinsel Wangerooge büßte im Sturm etwa 90 Prozent ihres Badestrandes ein. "Auf einer Länge von einem Kilometer gibt es kaum noch Sand", sagte Wangerooges Inselbürgermeister Marcel Fangohr. Die Schutzdünen vor dem Trinkwasserschutzgebiet hätten kein Deckwerk mehr, dies müsse wie der Strand neu aufgeschüttet werden. Dennoch sei der Sturm glimpflich ausgegangen. Auch auf der ostfriesischen Insel Langeoog wurde der Sandstrand beschädigt. "In Teilen ist gar kein Strand mehr da, die Abbruchkante geht bis zu den Dünen", sagte Inselbürgermeisterin Heike Horn. Zum Ausmaß des Schadens könne sie aber nichts sagen. Das müsse der Niedersächsische Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz beurteilen, sagte Horn.

DWD hebt Unwetterwarnungen auf

Das Orkantief soll nun über das Baltikum nach Russland weiterziehen, wie der Deutsche Wetterdienst (DWD) mitteilte. Mindestens bis Montag werde es jedoch stürmisch bleiben. "Es kehrt einfach keine Ruhe ein", sagte ein Meteorologe. Seine Warnung vor extremen Orkanböen an der Nordsee von bis zu 160 Kilometern pro Stunde hob der DWD mittlerweile auf. Auch die Unwetterwarnungen für Nordrhein-Westfalen wurden aufgehoben. Der DWD warnte aber weiterhin vor Wind- und Sturmböen. Im Tagesverlauf solle der Wind dann weiter abnehmen.

Bahnverkehr im Norden weiterhin stark eingeschränkt

Der Bahnverkehr im Norden Deutschlands und in den nördlichen Landesteilen Nordrhein-Westfalens ist weiterhin stark eingeschränkt. Wie die Deutsche Bahn am Morgen mitteilte, fahren weiterhin keine Züge des Fernverkehrs in den betroffenen Regionen. Dies gelte für Verbindungen nördlich von Dortmund, Hannover und Berlin sowie zwischen Berlin und Halle (Saale)/Leipzig. Nur auf der Schnellfahrstrecke zwischen Köln und Frankfurt am Main führen einzelne Züge. Auch der Regionalverkehr falle noch flächendeckend aus, berichtete die Bahn weiter.

Vor einer Wiederaufnahme des Verkehrs seien zunächst umfangreiche Erkundungsfahrten erforderlich, hieß es. "Mit abflauendem Sturm sind rund 2000 Einsatzkräfte der DB im Dauereinsatz, um Strecken zu erkunden und Reparaturen durchzuführen", teilte die Bahn mit. "Die DB arbeitet mit Hochdruck daran, Strecken freizuräumen und den Verkehr Stück für Stück wieder aufzunehmen", hieß es weiter.

"Wir gehen daher davon aus, dass der Betrieb im Fernverkehr der Deutschen Bahn auf den genannten Strecken frühestens ab 9 Uhr am Samstagmorgen sukzessive wieder aufgenommen werden kann", hieß es in einer Kundeninformation. In Bereichen mit starken Sturmschäden sei jedoch auch eine deutlich spätere Wiederaufnahme möglich.

Fern- und Regionalverkehr wurden gestern in Norddeutschland und in Nordrhein-Westfalen nach und nach eingestellt. Der Schutz der Reisenden und der Beschäftigten habe Vorrang, hieß es. Fahrgäste können ihre für den Zeitraum von Donnerstag bis Sonntag gebuchten Fahrkarten bis zum 27. Februar flexibel nutzen oder kostenfrei stornieren, wenn sie Reisen wegen des Sturms verschieben.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 19. Februar 2022 um 09:00 Uhr.