Karl Lauterbach | REUTERS

Untererfassung während Feiertagen Lauterbach geht von deutlich höherer Inzidenz aus

Stand: 29.12.2021 16:24 Uhr

Nach Einschätzung von Gesundheitsminister Lauterbach liegt die Inzidenz zwei bis drei Mal höher als angegeben. Grund sei die Untererfassung der Corona-Fälle während der Feiertage. Und: Die Omikron-Variante breite sich zusehends aus.

Corona-Fallzahlen und Sieben-Tage-Inzidenz in Deutschland sinken - aber das ist wohl nur eine trügerische Sicherheit. Denn während und nach den Feiertagen werden zahlreiche Fälle nicht erfasst. Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach geht sogar davon aus, dass die Inzidenzen bis zu drei Mal höher liegen als angegeben. "Die tatsächliche Inzidenz ist derzeit vermutlich zwei bis drei Mal so hoch wie die Inzidenz, die wir erfassen", sagte der Minister in Berlin. Grund für diese drastische Untererfassung sei, dass über die Feiertage deutlich weniger getestet werde - und von diesen Testergebnissen würden dann noch deutlich weniger als sonst an das Robert Koch-Institut (RKI) übermittelt.

Das RKI weist derzeit eine Sieben-Tage-Inzidenz von 205,5 aus (Vortag 215,6). Die Gesundheitsämter meldeten binnen 24 Stunden 40.043 Corona-Neuinfektionen - 5616 Fälle weniger als am Mittwoch vor einer Woche. Das RKI selbst weist aber ebenfalls darauf hin, dass diese Daten mit großen Ungenauigkeiten behaftet sind.

Sorge wegen Omikron

Damit allerdings endeten die schlechten Nachrichten, die Lauterbach zu überbringen hatte, noch nicht. Ganz besonders besorge ihn die rasante Ausbreitung der Omikron-Variante, so der Minister. Das RKI hatte zuletzt von einem Anstieg der Omikron-Fälle um 26 Prozent binnen 24 Stunden berichtet. Insgesamt ordnet die Behörde 13.129 Infektionen der Omikron-Variante zu - die Dunkelziffer dürfte allerdings hoch sein.

Der Anstieg weise relativ sicher darauf hin, dass Omikron einen immer größeren Anteil am Infektionsgeschehen in Deutschland habe, sagte der Modellierer Dirk Brockmann von der Humboldt-Universität Berlin der Nachrichtenagentur dpa. In norddeutschen Städten wie Hamburg und Bremen spiele die Variante schon eine große Rolle. In Schleswig-Holstein sind bereits mehr als 50 Prozent der Corona-Infektionen seit dem Tag vor Heiligabend Omikron-Verdachtsfälle.

Dass die Anzahl der Omikron-Fälle sprunghaft steigt, legen auch Zahlen aus anderen europäischen Ländern nahe. Frankreich, Großbritannien, Italien, Spanien, Portugal und Griechenland verzeichneten zuletzt eine Rekordzahl neuer Fälle.

"Die Gefahr nicht unterschätzen"

Lauterbach appellierte einmal mehr eindringlich an die Bevölkerung, auf Abstandsregeln zu achten und die Kontakte wo immer möglich zu reduzieren. Das gelte vor allem für Silvester. "Bitte feiern Sie in ganz kleiner Runde und gefährden Sie sich nicht gegenseitig. Denn die derzeit ausgewiesene Inzidenz der Fälle unterschätzt die Gefahr, in der wir uns derzeit befinden", warnte der Minister. Zugleich warb Lauterbach erneut für die Booster-Kampagne: Während zwei Impfungen nur unzureichend schützten, sei die Wirksamkeit gegen Omikron nach einer dritten Impfung deutlich erhöht. Die Schutzwirkung trete bereits eine Woche nach dem Piks ein.

Regierung: Bald wieder solide Daten

Die Bundesregierung rechnet allerdings damit, dass es schon bald wieder aussagekräftigere Daten zur Corona-Lage gibt. Anfang des neuen Jahres wolle man wieder sehr aktuelle Daten haben, teilte das Gesundheitsministerium mit. Man gehe davon aus, dass dann auch zur Ministerpräsidentenkonferenz mit Kanzler Olaf Scholz am 7. Januar valide Daten zur Verfügung stehen.

Studie: Omikron wird Gastronomie und Handel hart treffen

Nach Berechnungen des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) drohen die Verschärfungen der Corona-Maßnahmen zur Bekämpfung der Omikron-Variante vor allem im Gastgewerbe und im stationären Einzelhandel tiefe Spuren zu hinterlassen. Im stationären Einzelhandel gingen rund sechs Milliarden Euro pro Monat an Umsatz verloren, prognostizierten die Forscher. Teils wandere das Geschäft in den Onlinehandel ab. Und auch in der Gastronomie seien erhebliche Einbußen zu erwarten.

Das Coronavirus hat die deutsche Wirtschaft laut IW bereits stark beschädigt. Bisher sind nach den Berechnungen des Instituts rund 335 Milliarden Euro an Wertschöpfung verloren gegangen, davon 190 Milliarden Euro im vergangenen Jahr und 145 Milliarden im Jahr 2021. Schon ohne Omikron wären nach den Berechnungen der Experten im ersten Quartal 2022 noch einmal 35 Milliarden Euro hinzugekommen.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 29. Dezember 2021 um 15:00 Uhr und um 16:00 Uhr.