Ortsschild Nürburg | SWR

tagesthemen mittendrin Gähnende Leere statt "Rock am Ring"

Stand: 05.06.2020 11:40 Uhr

Kein Festival, keine Autorennen - und bis zu einer Million weniger Besucher: Das Verbot von Großveranstaltungen in der Corona-Krise trifft die Region um den Nürburgring hart.

Von Ute Spangenberger, SWR

Es ist ruhig am Nürburgring, sehr ruhig. Kaum Touristen zu sehen, kaum Autos mit Kennzeichen, die nicht aus der Eifelregion kommen. Auf den Wiesen ist das Gras in die Höhe geschossen.

Ute Spangenberger

Eigentlich wäre hier in diesen Tagen die Hölle los. Für das "Rock am Ring"-Wochenende reisen viele Fans in normalen Zeiten schon Tage vorher an.

Beat Schmitz, der mit seiner Mutter hier in Nürburg ein Hotel betreibt, erzählt, dass "Rock am Ring" keine Veranstaltung ist, die man nur an dem Wochenende selbst spürt: "Rock am Ring liegt fast einen ganzen Monat in der Luft. Die Infrastruktur wird schon Wochen vorher aufgebaut. Die Wiesen werden gemäht, die Campingplätze vorbereitet. Das fehlt in diesem Jahr, nicht nur die Gäste, auch das Drumherum. Wie Sie sehen, sehen Sie nichts."

Eigentlich wäre bei den Schmitz' jetzt Full House, alle 45 Zimmer belegt. Stattdessen radiert Ursula Schmitz die Buchungen aus dem Reservierungsbuch. Genau ein Gast wohnte Mitte der Woche im Hotel.

"Wir müssen jetzt das Geld zusammenhalten"

Die 75-Jährige trägt die Umrisse des Nürburgrings als Kette um den Hals. Das Wohl einer ganzen Region, erzählt sie resigniert, hänge am Ring: "Im letzten Winter wurden die Reserven aufgebraucht, da haben wir renoviert. Und dann kam plötzlich der Stopp im März. Dieses Jahr kann man erst in fünf, sechs oder acht Jahren aufholen. Da brauchen wir eine lange Zeit. Wir müssen jetzt das Geld zusammenhalten."

Der Lockdown kam im ungünstigsten Monat, erzählt ihr Sohn Beat. Im Winter sei in der Eifel ohnehin traditionell wenig Geld mit Tourismus zu verdienen. Und genau, als es losgehen sollte, kam Corona. "Was uns hilft, ist die Kurzarbeit", sagen sie und möchten ihr Personal unbedingt halten.

"Mitarbeiter sind das wertvollste Gut, was man in der Gastronomie haben kann. Jeder, der sich auskennt, weiß, wie wichtig es ist, ein klasse Team zu haben. Das haben wir, und wir setzen alles daran, das Team zu behalten", beschreibt Beat Schmitz.

Ursula und Beat Schmitz | SWR

Ursula und Beat Schmitz hoffen auf bessere Zeiten. Bild: SWR

Der Fuhrpark steht

Nachbar Ron Simons betreibt eine Autovermietung ganz in der Nähe von Ursula und Beat Schmitz. Seine Kunden kommen aus Australien, Neuseeland, Asien und Amerika. Das sind die Kunden, die Geld bei ihm lassen, erzählt er: "Wir vermieten Autos an Menschen, die über die Nordschleife fahren. Die Deutschen bringen ihre eigenen Autos mit. Aber wenn du mit dem Flieger anreist, kannst du dein Auto ja nicht mitbringen." Sein Geschäft sei fast auf null zurückgegangen, sagt er und schüttelt resigniert den Kopf, während er durch seinen Fuhrpark auf dem Parkplatz läuft.

Wann genau die Touristen wiederkommen, wann wieder Großveranstaltungen und mit welchen Auflagen erlaubt sein werden, weiß hier niemand. Das Nürburgring-Publikum ist international. Wie viele rennsportverrückte Australier oder Südamerikaner sich wirklich in den kommenden Wochen und Monate in den Flieger setzen werden, um an den Ring zu kommen, bleibt abzuwarten.

Nürburgring | SWR

Die Region lebt von den Großveranstaltungen an der Rennstrecke. Bild: SWR

Leere Fläche statt "Rock am Ring"

Ein Blick über das Gelände des Nürburgrings zeigt: Überall sind leere Flächen. Ein paar Rennautos ziehen ihre Runden auf der Grand Prix-Strecke, aber das war es auch. Eigentlich wären hier jetzt drei riesige Bühnen, 80.000 Musikfans, und die Gitarrenriffs würden über die Rennstrecke hin zu den Campingplätzen getragen.

"Bei `Rock am Ring´ ist es immer so, als ob hier eine ganze Stadt ein- und wieder auszieht." So bezeichnet Alexander Gerhard von der Betreibergesellschaft des Nürburgrings, was hier normalerweise los ist. Er erzählt, dass in normalen Jahren insgesamt mehr als 900.000 Menschen allein zu den Groß- beziehungsweise Wochenendveranstaltungen an den Ring kommen. Das legendäre 24-Stunden-Rennen, das auf der rund 26 Kilometer langen Nordschleife und dem Grand-Prix-Kurs gefahren wird, musste bereits auf September verschoben werden: 800 Fahrer, 200 Autos, Zehntausende Zuschauer, die viel Geld in der Region lassen.

Wirtschaftsmotor einer ganzen Region

Der Nürburgring ist Wirtschaftsmotor einer ganzen Region. Insgesamt kommen 1,8 Millionen Menschen im Jahr hierher. Die Kombination aus Veranstaltungsverbot, geschlossenen Hotels und dichten Grenzen hat diesen Motor abgewürgt, und nur langsam kommt er wieder auf Touren. Seit Mai dürfen Privatpersonen wieder mit ihren Autos über die Rennstrecken fahren, aber gerade die Großveranstaltungen, die Magnetfunktion haben, sind weiter untersagt.

Für dieses Wochenende sind für die Eifel Temperaturen um die zehn Grad und Regen angesagt. Unwirtliches bis extremes Wetter ist fast schon legendär bei den "Rock am Ring"-Konzerten. Zumindest das Wetter ist im Festivalmodus.