Alexej Nawalny | Bildquelle: picture alliance / AA

Neue Erkenntnisse Nawalny mit Nervenkampfstoff vergiftet

Stand: 02.09.2020 16:52 Uhr

Der russische Kreml-Kritiker Nawalny ist nach neuen Erkenntnissen "zweifelsfrei" mit einem chemischen Nervenkampfstoff vergiftet worden. Das ergab die toxikologische Untersuchung eines Bundeswehr-Labors.

Seit mehreren Tagen befindet sich der russische Kreml-Kritiker Alexej Nawalny in der Berliner Charité. Er war dorthin mit Symptomen einer Vergiftung gekommen. Nun gibt es laut Bundesregierung einen "zweifelsfreien Nachweis" für eine Vergiftung mit einem chemischen Nervenkampfstoff aus der Nowitschok-Gruppe. Das erklärte Regierungssprecher Steffen Seibert. Nowitschok war auch benutzt worden, um den früheren britischen Spion Sergej Skripal und dessen Tochter in Großbritannien zu vergiften. Die beiden überlebten nur knapp.

Ein Speziallabor der Bundeswehr habe eine toxikologische Untersuchung anhand von Proben durchgeführt. Hierbei sei die Vergiftung nachgewiesen worden.

Nervengift Nowitschok

Die Sowjetunion hat unter der Bezeichnung Nowitschok (zu deutsch Neuling) zwischen den 1970er- und 1980er-Jahren eine Serie neuartiger Nervenkampfstoffe entwickelt - im Geheimen, um internationale Verbote zu umgehen. Die rund 100 Varianten gehören zu den berüchtigsten Nervenkampfstoffen, die jemals hergestellt wurden.

Nowitschok, das oft in Form eines extrem feinen Pulvers Verwendung findet, gelangt über Haut oder Atemwege in den Körper und führt meist binnen weniger Stunden zum Erstickungstod. Das Gift ist nur schwer nachzuweisen, die Überlebenschancen der Opfer sind gering. Selbst übliche Gegenmittel wie Atropin können meist nur wenig ausrichten.

Zu Nowitschok sind nur wenige Details bekannt. Vermutlich besteht es aus zwei an sich ungiftigen Komponenten, die ihre tödliche Gefahr erst beim Mischen entfalten.

Bundesregierung spricht von "bestürzendem Vorgang"

Die Bundesregierung sprach von einem "bestürzenden Vorgang". Man verurteile den Angriff aufs Schärfste. Aufgrund der neuen Erkenntnisse wurde der russische Botschafter erneut zu einem Gespräch eingeladen. Dabei sei er aufgefordert worden, die Hintergründe des Falls aufzuklären, sagte Außenminister Heiko Maas. Es sei wichtig, dass auch in Russland die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden, so Maas.

"Russland sollte selbst ein ernsthaftes Interesse an guten Beziehungen zu seinen Nachbarn in Europa haben. Spätestens nun ist der Zeitpunkt, einen entscheidenden Beitrag dazu zu leisten."

Deutschland werde als Folge der neuen Erkenntnisse mit den Partnern in der EU und der NATO über eine "angemessene gemeinsame Reaktion beraten", teilte die Bundesregierung mit. Außerdem wolle man mit der Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OVCW) Kontakt aufnehmen.

Sendungsbild
galerie

Verteidigungsministerin Kramp-Karrenbauer und Außenminister Maas äußerten sich zu den neuen Erkenntnissen im Fall Nawalny. Sie forderten eine Mitwirkung Russlands bei der Aufklärung.

Nawalnys Zustand stabil

Nawalny, der am 20. August auf einem Flug in seiner Heimat plötzlich ins Koma gefallen war und zunächst in Omsk untersucht wurde, wird auf Drängen seiner Familie in der Charité behandelt. Die deutschen Ärzte gingen nach einer Auswertung von klinischen Befunden bereits davon aus, dass Nawalny vergiftet wurde. Sie gehen derzeit davon aus, dass sich die Vergiftungssymptome bei Nawalny zurückbilden. Sein Zustand sei stabil, er befinde sich weiter auf einer Intensivstation im künstlichen Koma und werde maschinell beatmet, hieß es am Freitag. Akute Lebensgefahr bestehe nicht, Langzeitfolgen der "schweren Vergiftung des Patienten" seien aber nicht absehbar.

Die russische Regierung hatte die Einschätzung der Berliner Ärzte, dass Nawalny vermutlich vergiftet wurde, als vorschnell bezeichnet. Bisher gibt es keine Ermittlungen russischer Sicherheitsbehörden in dem Fall. Anzeichen für eine Straftat gebe es nicht.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 02. September 2020 um 17:00 Uhr.

Darstellung: