Asteroid fliegt an der Erde vorbei | Bildquelle: dpa

Weltraumprojekt Sonde soll auf Asteroid einschlagen

Stand: 30.06.2020 11:48 Uhr

Wie kann man die Erde vor einem Asteroideneinschlag schützen? Indem man genau das simuliert. ESA und NASA wollen eine Sonde auf einem Asteroiden einschlagen lassen - ein spektakuläres Projekt.

Von Ute Spangenberger, SWR

Es klingt wie Science Fiction, soll aber schon bald Realität werden: Die ESA plant mit der NASA ein spektakuläres wissenschaftliches Projekt im All. Im Juni 2021 soll zunächst die sogenannte DART-Sonde der NASA zu einem Doppelasteroiden fliegen. Auf dem kleineren der beiden Brocken soll sie dann im Herbst 2022 einschlagen, mit einer Geschwindigkeit von sechs Kilometer pro Sekunde, das sind mehr als 20.000 Kilometer pro Stunde. Anschließend startet die sogenannte HERA-Sonde der ESA Richtung Asteroid und untersucht das Asteroidenpaar und die Auswirkungen des Einschlags. Ziel des Projektes ist es, festzustellen, wie man die Erde vor drohenden Asteroideneinschlägen schützen könnte.

ESA-Wissenschaftler Michael Küppers erklärt: "Grundsätzlich geht es darum, zu verhindern, dass in der Zukunft ein Asteroid mit der Erde zusammenstößt. Das passiert gelegentlich. Zum Beispiel ist ein großer Asteroid vor rund 65 Millionen Jahren eingeschlagen und man glaubt heute, dass das zum Aussterben der Dinosaurier geführt hat. Nun kommt so etwas vielleicht alle 100 Millionen Jahre vor. Aber erst in 2013 ist ein kleiner Asteroid in der Nähe der russischen Stadt Tscheljabinsk eingeschlagen und dadurch wurden etwa 1500 Menschen verletzt."

Mittel für Asteroiden-Abwehr bewilligt

Im vergangenen November hatten die Mitgliedsländer der ESA die Mittel für das Asteroiden-Abwehrprogramm freigegeben. Bei der ESA arbeitet jetzt ein multinationales Team von Wissenschaftlern und Ingenieuren an der Durchführung der Mission.

Drei Jahre zuvor hingegen hatten die zuständigen Politiker der Mitgliedsländer eine ähnliche Asteroiden-Mission noch abgelehnt. Jan Wörner, Generaldirektor der ESA erinnert sich: "Als mich die Minister 2016 nach Hause geschickt haben und sagten, dass sie das Programm nicht finanzieren, habe ich schon in der anschließenden Pressekonferenz gesagt: Ich gebe nicht auf. Ich mache weiter."

Etwa 20.000 Asteroiden und Kometen

Ungefähr 20.000 sogenannte NEOs (near-earth-objects), also erdnahe Asteroiden und Kometen, sind derzeit bekannt, die größten von ihnen messen im Durchmesser einige Kilometer. Bei ungefähr zehn Prozent bestehe die Gefahr, dass sie irgendwann einmal auf der Erde einschlagen könnten, erklärt ESA-Wissenschaftler Küppers.

Der Doppelasteroid, der das Ziel der DART/HERA-Mission ist, wird der Erde allerdings niemals gefährlich werden. Er wird 2022 in etwa zehn Millionen Kilometern Entfernung an der Erde vorbei fliegen, das ist ungefähr 25 mal weiter weg als der Mond. Er ist für die Wissenschaft ein reines Testobjekt.

Die Vereinten Nationen haben den 30. Juni zum Internationalen Asteroidentag erklärt, um die Bedrohungen und Chancen stärker ins Bewusstsein zu rücken. Das Datum ist nicht zufällig gewählt. Am 30. Juni 1908 hatte in Sibirien das "Tunguska-Ereignis" stattgefunden: Eine gewaltige Explosion erschütterte die Region. Heute gilt als wahrscheinlichste Ursache ein Asteroid, der in mehreren Kilometern Höhe explodierte.

Blick in die Antarktis
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Mehrwöchige Mission in der Antarktis: Hier waren die Wissenschaftler, um Meteoriten zu sammeln.

Gerst - und die Mission in der Antarktis

Um mehr über Asteroiden herauszufinden, hat der deutsche ESA-Astronaut Alexander Gerst vor einigen Monaten an einer Forschungsmission in die Antarktis teilgenommen. Zusammen mit einem achtköpfigen Team verbrachte er mehrere Wochen in der Eiswüste, um Meteoriten zu sammeln. "Meteoriten sind kleine, auf die Erde gefallene Bruchstücke von größeren Asteroiden oder Kometen", erklärt der Astronaut. 346 Meteoriten haben die Forscher gefunden, im Eis lassen sich die Brocken besonders gut identifizieren. Die würden jetzt weltweit Wissenschaftlern zur Verfügung gestellt, um an ihnen zu forschen, so Gerst.

"Wenn wir irgendwann einmal wirklich in die Situation kommen, dass wir einen Asteroiden umleiten oder vielleicht abschleppen müssen, sollten wir genau wissen, aus was dieser Asteroid besteht. Wie fest ist etwa seine Oberfläche? Im Moment wären wir auf einen Asteroideneinschlag ungefähr genauso vorbereitet wie die Dinosaurier damals, die dann letztendlich ausgelöscht wurden."

Alexander Gerst
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Astronaut Alexander Gerst: Im Moment wären wir auf einen Asteroideneinschlag ungefähr genauso vorbereitet wie die Dinosaurier damals, die dann letztendlich ausgelöscht wurden."

Asteroiden zu erforschen, ist für die Wissenschaft aber noch aus einem anderen Grund interessant. Je mehr wir über sie wissen, desto mehr erfahren wir über die Entstehung unseres Sonnensystems, erklärt ESA-Wissenschaftler Michael Küppers: "Als sich das Sonnensystem geformt hat, haben sich die Planeten gebildet, aus Staub, der sich zu kleinen Körpern geformt hat. Diese sind immer weiter gewachsen zu Planeten. Die kleineren Körper, die bei diesem Prozess übrig geblieben sind und nicht Teil eines Planeten wurden, das sind heute die Asteroiden und Kometen."

Mittelfristig könnte es auch wirtschaftliche Gründe geben, die die Erforschung von Asteroiden interessant machen. Asteroiden könnten hohe Konzentrationen von Edelmetallen oder Metallen der Seltenen Erden enthalten, oder Material von Asteroiden könnte als Treibstoff für Satelliten verwendet werden. Noch hört sich "Asteroid mining" oder zu deutsch "Asteroidenbergbau" utopisch an, aber Pläne gibt es bereits. Aus dem All droht Gefahr, aber im All ist in der Zukunft vielleicht auch viel Geld zu verdienen.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 30. Juni 2020 um 22:18 Uhr.

Korrespondent

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Ute Spangenberger, SWR

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