Andrea Nahles neben Martin Schulz | Bildquelle: HEINE/EPA-EFE/REX/Shutterstock

Andrea Nahles Eine Frau deutlicher Worte

Stand: 08.02.2018 06:37 Uhr

"In die Fresse", "Sesselfurzer" - mit Nahles rückt eine Frau deutlicher Worte an die SPD-Spitze. In der Partei ist sie für das zuständig, was Schulz derzeit kaum vermittelt: Leidenschaft und Überzeugung.

Von Christoph Scheld, ARD-Hauptstadtstudio

Andrea Nahles hat als Politikerin viele Talente. Sie kann die Volksnahe, Bodenständige geben. Die Frau aus der Eifel verkörpert die Rolle der Arbeiterführerin glaubwürdig. Wie bei einem Besuch bei Stahlarbeitern im September. "Ich hasse es!", schimpfte sie lautstark. "Die verlagern ihre Firmensitze ins Ausland, um Steuern zu sparen und um die Mitbestimmung klein zu kriegen!"

Auf Menschen zugehen, ihre Sprache sprechen - das gelingt Nahles mühelos. Auch dann, wenn sie ihr Projekt der Rente mit 63 verteidigt: "Da kann ich nur sagen, mein Vater war auf dem Bau. Der ist 73 Jahre alt geworden und er hatte Schulter, Rücken, Knie kaputt. Und wenn ich dann irgendwelche professoralen Sesselfurzer höre, die von der Rente mit 70 reden, dann werde ich stinksauer!"

Doch das Volksnahe ist ein schmaler Grat, und bei mancher Gelegenheit schießt Nahles nach Meinung Vieler über das Ziel hinaus. Wie etwa Ende September, als sie gefragt wurde, wie sie sich nach der vermeintlich letzten Kabinettssitzung mit den Unionskollegen fühlte. "Ein bisschen wehmütig", antwortet sie. "Und ab morgen kriegen sie in die Fresse."

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"Bätschi, sag ich dazu"

Inzwischen weiß die ganze Republik: Es könnten viele weitere Kabinettssitzungen mit CDU und CSU folgen. Vielleicht könnte sich dann ihr rauer Charme rächen. Oder auch der ein oder andere fragwürdige Parteitagsauftritt. Wie der im Dezember in Berlin, als die Union nach dem Scheitern der Jamaika-Sondierungen für eine stabile Koalition mit einem Mal wieder auf die SPD angewiesen war. "Weil sie nämlich gedacht haben, sie brauchen uns nicht mehr. Aber die SPD wird gebraucht. Bätschi, sag ich dazu nur. Und es wird ganz schön teuer. Bätschi, sag ich dazu nur", rief sie da

Nahles kann aber auch das andere, das Staatstragende, Seriöse. Außerdem: Mindestlohn, Rente mit 63 - ihre Bilanz als Arbeitsministerin kann sich sehen lassen. Zumal sie sozialdemokratische Herzensangelegenheiten durchsetzt, und das in einer Art und Weise, dass es dafür sogar Lob von CSU-Chef Horst Seehofer gab. Das will was heißen.

In der Summe kommt Nahles jedenfalls bei den Genossen an. Beim linken Flügel, zu dem sie gezählt wird, genauso wie beim rechten. Das gelingt nur wenigen.

Nahles und Schulz beim SPD-Parteitag | Bildquelle: dpa
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Nahles und Schulz beim SPD-Parteitag im Dezember.

Für Leidenschaft und Überzeugung zuständig

Sie schafft das nicht nur, weil sie authentisch wirkt. Sondern auch, weil sie Erfolge vorweisen kann. Auch wieder bei den Sondierungsgesprächen mit der Union im Januar. Die Ausbeute der Sozialdemokraten war insgesamt bescheiden. Aber was als Erfolg zu verbuchen war, fand sich fast immer im Ressort Arbeit und Soziales, und der war Nahles' Beritt.

Auf dem SPD-Sonderparteitag Ende Januar war sie auf dem besten Weg, ihrem Parteichef Martin Schulz den Rang abzulaufen. Denn der hielt eine wenig mitreißende Rede. Jubelstürme, Standing Ovations gar? Fehlanzeige.

Für Leidenschaft, Überzeugung und das Mitreißen der Massen war Nahles zuständig. "Ich bin in dieser Partei, weil ich was Großes im Kleinen immer gesehen habe", sagte sie. "Im Fortschritt, ganz konkret für Millionen von Menschen. Deswegen habe ich den Mindestlohn durchgesetzt, wie verrückt nochmal."

Nächstes Etappenziel Spitzenkandidatin?

Solche Auftritte sind es, wegen der die SPD Andrea Nahles braucht. Künftig sogar in den wichtigsten Ämtern: Als Chefin nicht nur der Bundestagsfraktion, sondern auch der Partei.

Es könnte der Beginn eines neuen Weges sein, dessen nächstes Etappenziel SPD-Spitzenkandidatin heißt. In der Abizeitung soll die 47-Jährige als Berufswunsch ja geschrieben haben: Hausfrau oder Bundeskanzlerin. "Bundeskanzlerin ist auch ein interessanter Job", sagte sie dann später. "Aber einer, der es in sich hat. Das überlege ich mir dann nochmal."

Über dieses Thema berichtete das ARD-Morgenmagazin am 08. Februar 2018 um 06:07 Uhr.

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