Franz Müntefering im Mai 2018. | Bildquelle: dpa

Müntefering wird 80 Jahre alt "Heißes Herz und klare Kante"

Stand: 16.01.2020 07:26 Uhr

In der ersten Reihe steht SPD-Urgestein Franz Müntefering schon lange nicht mehr. Von weiter hinten mischt der Mann der klaren Worte aber immer noch sehr gerne mit. Heute wird er 80 Jahre alt.

Von Georg Schwarte, ARD-Hauptstadtstudio

„Ich selbst werde 2050 wohl nicht mehr dabei sein. Ich werd dann im Himmel sein. Oder wo Sozialdemokraten so hinkommen. Das wird man sehen.“

Ja, das wird man wohl sehen. Aber Franz Müntefering, der heute 80-Jährige, steht beim Neujahrsempfang des Bundespräsidenten und glaubt, dass er zumindest länger da sein wird als die Große Koalition: "Es gibt eine Statistik, die besagt, dass Männer, die es schaffen, 80 zu werden, es dann wenigstens bis 87,9 schaffen. Dann hätte ich wenigstens bis November 2027 sicher."

Franz Müntefering wird beim Neujahrsempfang des Bundespräsidenten von Frank-Walter Steinmeier und seiner Frau Elke Büdenbender begrüßt. | Bildquelle: AFP
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Franz Müntefering wird beim Neujahrsempfang des Bundespräsidenten von Frank-Walter Steinmeier und seiner Frau Elke Büdenbender begrüßt.

Münteferings Motto: Aufstehen und Unterhaken

Franz Müntefering. Er mag seit jeher die Idee des Unterhakens. Nur zusammen geht es vorwärts. Sein Motto: "Lasalle hat das damals gesagt, als er den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein gründete: 'Wenn man will, dass sich was ändert, muss man aufstehen und sich unterhaken. Im Verein.'"           

Heute, mit 80, glaubt er weiter daran. Aufstehen und Unterhaken. Sein Geburtstagswunsch ans Deutschland dieser Tage:

"Ich glaube, dass genug vernünftige Menschen da sind, Alte und Junge. Und die müssen sich unterhaken und müssen dafür sorgen, dass nicht die Bekloppten im Lande das Sagen kriegen. Das ist die wichtige Sache, vor der wir stehen.“ 

Die Bekloppten. Die mochte er nie. Die Politikverdrossenen übrigens auch nicht. "Die Verdrossenen sind vor allen Dingen selbst schuld. Das tut mir leid. Die können reinkommen, mitmachen. Können gegen mich kandidieren. Ob sie gewinnen, ma gucken."

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Franz Müntefering wird 80

Franz Müntefering

Sein Kennzeichen ist ein roter Schal. Seit 1966 ist der 1940 geborene Sauerländer Franz Müntefering Mitglied der SPD. Er war Generalsekretär, Verkehrsminister, Fraktionsvorsitzender, Parteichef, Bundesarbeitsminister und Vizekanzler. | Bildquelle: picture alliance / dpa

Politik ist für ihn angewandte Liebe zum Leben

"Ma gucken." Auch so ein Münte-Glaubenssatz. Apropos Glaube. An das Leben nach dem Tod glaubt er nicht. Für ihn ist das Leben hier und jetzt wichtiger. Und Politik - frei nach Hanna Ahrendt - angewandte Liebe zum Leben. „Die Liebe zum Leben, die man hat, auch die Lust zu leben, die muss man auch nutzen.“

Besserwisser aus der Loge. Er mochte sie nie. Franz Müntefering sagt bis heute. "Macht Politik" - das ist übrigens der Titel eines seiner Bücher.

„Es sind in Deutschland ganz viele, die sitzen auf der Tribüne, wissen alles besser. Spielen derweil Tennis oder Golf, während ich im Bauausschuss sitze und da rum mache.“

Münte. Sauerländer vom Dorf. Wortkarg von Hause aus. Sozi seit 66. "Der Pfarrer betete 1972 bei uns in Balve: Bewahre uns Gottes Hand vor Feuer, Not und Brandt." Vor Willy Brandt wohlgemerkt.

1975 zog Müntefering in den Bundestag ein

Es kam dann anders, 1975 sitzt Müntefering erstmals im Bundestag. Auch medial übrigens ein Spätzünder, sagt er einst, und mahnt die Jugendwahnsinnigen, dass der Talentschuppen der SPD nicht nur bis 30 gehe: "Als ich 50 Jahre alt wurde, keiner von Ihnen hat mich da gekannt."

Heute aber kennen sie ihn alle. Der Mann wurde zur Marke. Sauerländisch zum Kult:

„Heißes Herz und klare Kante. Das riecht sehr nach Schweiß und Anstrengung. Aber das ist besser als Hose voll. Das riecht auch nicht gut.“

Dabei  ist das Laute, das schröderhaft Kumpelige nie seins gewesen. Ein "Alleiner" sei er, so sagte er mal über sich. Freundschaft? Ein großes Wort für ihn. Selten verwendet: "In Westfalen ist das ein bisschen distanzierter. Wie wir so sind."

Im Jahr 2005 unterhält sich der damalige SPD-Vorsitzende Franz Müntefering mit dem damaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder. | Bildquelle: dpa
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Im Jahr 2005 unterhält sich der damalige SPD-Vorsitzende Franz Müntefering mit dem damaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder.

Er will steuern, machen

Er ist so. Bis jetzt. Bis "gezz" würde er sagen. Die Heimat klingt dann durch bei dem Mann, der ins Gelingen und ins Regieren verliebt war. Verkehrsminister. Generalsekretär. Vizekanzler. Parteichef. Fraktionsvorsitzender. Beifahrersitz: Seine Sache nie gewesen. Er will steuern, machen: "Wenn man regiert, ist das Regieren die Hauptsache."

Alles andere stellt sich bitte hinten an. Im Müntesprech, dem Stakkato fürs Parteivolk wurde daraus einer der Klassiker aus dem Müntelexikon:

„Opposition ist Mist. Lasst das die andern machen. Wir wollen regieren.“

Bis heute gilt das. 2007 aber trat er zurück als Vizekanzler und Arbeitsminister. Pflegte seine todkranke Frau. 2009 war er wieder da. Und ist es bis heute. Sich aktiv einbringen. Nicht Rumsitzen. "Weil ich einfach daran glaube, dass Demokratie ne Lebensform ist und nicht nur eine Staatsform."

Und die Lebensform Demokratie brauche Helfer dieser Tage, keine Optimisten, sagt er auch über sich: "Optimist in dem Sinne war ich nie. Abe ich hab immer Zuversicht gehabt. Optimisten sind Menschen, die glauben, es wird sowieso gut. Aber es wird nicht sowieso gut. Es wird auch nicht sowieso schlecht. Es kommt immer drauf an, dass wir was tun." 

Der Mann der kurzen Sätze

Und er tut. Er ist Präsident des Arbeiter-Samariter-Bundes. Vortragender über Alter als Chance. Das Land brauche Gestalten und Gestalter sagt der Mann der kurzen Sätze: "Das ist seit Adam und Eva so. Nichts als Nachbesserungen. Eine ganze Menschheitsgeschichte Nachbesserungen. Ich nenne das gestalten."

Er ist noch etwas knorriger geworden, durchscheinender. Aber ganz Münte bis heute: "Ich sah schon so alt aus. Deshalb fällt nicht so auf, wenn man sich nicht mehr verändert im Alter." 

Franz Müntefering wird auf dem SPD-Parteitag im Dezember 2019 von den neuen SPD-Vorsitzenden Norbert Walter-Borjans und Saskia Esken begrüßt. | Bildquelle: dpa
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Franz Müntefering wird auf dem SPD-Parteitag im Dezember 2019 von den neuen SPD-Vorsitzenden Norbert Walter-Borjans und Saskia Esken begrüßt.

Im Dezember war er beim Parteitag

Im Dezember war er auf dem Parteitag. Hat die Wahl der Doppelspitze miterlebt. Sein Nachfolger Norbert Walter Borjans nennt Müntefering eine Institution und weiß, was Münte besser kann: "Erst mal, dass er viel kürzere Sätze kann als ich. Subjekt, Prädikat Objekt. Und alles ist gesagt."

„Fraktion gut. Partei auch. Glück auf.“

So was konnte nur Müntefering.  Und manchmal reichten dem Mann, der heute 80 Jahre alt wird, auch nur drei Worte. „Recht hab ich."

Franz Müntefering wird 80
Georg Schwarte, ARD Berlin
15.01.2020 17:19 Uhr

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Über dieses Thema berichtete NDR Info am 16. Januar 2020 um 07:08 Uhr.

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