Ein Neubaugebäude in Pforzheim. | Jenni Rieger, SWR
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Pforzheim Boomtown stößt an die Grenzen

Stand: 28.07.2021 15:49 Uhr

Bezahlbarer Wohnraum? In den meisten Großstädten Fehlanzeige. Viele suchen sich daher außerhalb ein Zuhause - etwa in Pforzheim. Die "Schlafstadt" an der A8 wächst - und stößt bereits an ihre Grenzen.

Von Jenni Rieger, SWR

Schon wieder ein Rohbau: Fast wöchentlich steht Pforzheims Baubürgermeisterin Sibylle Schüssler an einer Baustelle, feiert Richtfest. 350 bis 400 neue Wohnungen pro Jahr stampft die kleine Großstadt mit ihren 126.000 Einwohnern derzeit aus dem Boden, schafft Neubaugebiete, erteilt Baugenehmigungen. Und warum? Weil der Zuzug ungebrochen ist.

Jenni Rieger

"Attraktiver Wohnstandort"

"Wir sind ein attraktiver Wohnstandort", erklärt die Baubürgermeisterin, "günstig zwischen Karlsruhe und Stuttgart gelegen. Aber im Gegensatz zu den Großstädten gibt es bei uns immer noch bezahlbaren Wohnraum."

Sibylle Schüssler, Baubürgermeisterin von Pforzheim. | Jenni Rieger, SWR

Baubürgermeisterin Schüssler unterstreicht, dass es in Pforzheim noch bezahlbaren Wohnraum gibt. Bild: Jenni Rieger, SWR

Zweckmäßige Nachkriegsarchitektur

Ein "attraktiver Standort" - im Falle Pforzheims ist dies wohl vor allem geografisch gemeint. Denn nachdem die Stadt im Zweiten Weltkrieg mit einem einzigen Bombardement fast dem Erdboden gleich gemacht wurde, dominiert in der Innenstadt noch immer eine schnell hochgezogene Nachkriegsarchitektur, eher zweckmäßig als "attraktiv".

Und doch ist Pforzheim vielen ein Begriff, zumindest als Autobahnausfahrt, als blaues Schild an der A8, etwa 50 Kilometer von Stuttgart und 30 von Karlsruhe entfernt. Eine stark befahrene Strecke, von vielen wegen der hohen Verkehrsdichte und der vielen Staus verflucht - für Menschen wie die Hofmanns aber ist die A8 das Tor zur (Arbeits-)Welt.

Sabine Hofmann und Gatte, Bewohner der Neubausiedlung „Tiergarten" in Pforzheim. | Jenni Rieger, SWR

Für Sabine Hofmann und ihren Mann ist Pforzheim "keine Perle, aber ein guter Kompromiss". Bild: Jenni Rieger, SWR

Sie haben es sich in "Tiergarten 1" gemütlich gemacht, einem der vielen Neubaugebiete, die in den vergangenen Jahren in Pforzheim entstanden sind. Beide haben gut bezahlte Jobs. Und beide pendeln. Sie als Außendienstmitarbeiterin, er zu einem großen Stuttgarter Automobilhersteller.

Gleich nach Stuttgart zu ziehen, kam jedoch für sie nie in Frage. "Stuttgart ist unbezahlbar geworden, das ist ja inzwischen vergleichbar mit München", so Sabine Hofmann. "Für die Preise, die man in Stuttgart für ein Haus bezahlen muss, kriegt man hier einfach mehr." Mit dieser Einstellung sind sie in ihrer Neubausiedlung nicht alleine.

Viele pendeln täglich

Viele pendeln von hier aus täglich zu den großen Arbeitgebern der Region, zu Daimler, zu Porsche, zu Bosch. Auch ihr Nachbar Markus Ziegler: "Pforzheim hat einfach auch nicht so viele qualifizierte Arbeitsplätze wie Karlsruhe oder Stuttgart und deshalb haben sich hier viele angesiedelt, die einfach pendeln müssen", sagt er und legt damit den Finger in die Wunde von Wirtschaftsförderer Markus Epple.

Er steht am Rande eines Maisfeldes und sieht etwas besorgt aus. "Das hier ist das letzte verfügbare erschlossene Gewerbegrundstück der Stadt Pforzheim. Das war’s dann." Heißt im Klartext: "Das bedeutet für Pforzheim: Wir können kein neues Gewerbe mehr ansiedeln, wir können keinen Firmen mehr helfen, weiterzukommen und können deshalb auch keine neuen Arbeitsplätze schaffen."

Markus Ziegler, Bewohner der Neubausiedlung „Tiergarten" in Pforzheim. | Jenni Rieger, SWR

Auch Markus Ziegler wohnt im Neubaugebiet in Pforzheim - und pendelt zur Arbeit. Bild: Jenni Rieger, SWR

"Die kommen nur zum Schlafen"

Tatsächlich sind die Arbeitslosenzahlen in Pforzheim zuletzt gestiegen, lagen im Juni bei sieben Prozent - für Baden-Württemberg ein hoher Wert. Und dennoch ziehen jedes Jahr deutlich mehr Menschen nach Pforzheim hinein, als aus der Stadt weg. "Aber von denen, die herziehen, sind viele entweder gering qualifiziert oder sie haben schon eine gute Arbeit, aber eben nicht hier bei uns. Die kommen quasi nur zum Schlafen nach Pforzheim", so Wirtschaftsförderer Markus Epple. "Schlafstadt", diesen Namen hat sich Pforzheim inzwischen erarbeitet.

Die Baubürgermeisterin bevorzugt den Begriff "Schwarmstadt", also eine beliebte Zuzugsstadt. Aber auch sie weiß, egal wie man das Phänomen nennt, es birgt auch Probleme. "Wir müssen ja auch die Infrastruktur schaffen, für all die Menschen, die hier herkommen. Wir brauchen Kitas, Schulen, Arbeitsplätze. Wohnraum alleine zu schaffen, genügt da nicht."

Und dann ist da noch die Sache mit der Preisentwicklung. Denn Wohnen ist wegen der steigenden Nachfrage inzwischen auch in Pforzheim teurer geworden. Und doch scheint der Boom ungebrochen.

Nächste Neubausiedlung kommt

So werden auch die Hofmanns in der Neubausiedlung "Tiergarten 1" bald neue Nachbarn bekommen. Denn im kommenden Jahr soll mit dem Bau von "Tiergarten 2" begonnen werden. Das heißt: Wieder ein paar hundert neue Einwohner. Und darunter sicherlich wieder viele Pendler, die sich morgens einreihen werden, Stoßstange an Stoßstange, auf dem Weg zur Autobahn, raus aus der "Schlafstadt" und abends wieder zurück.

Viele unter ihnen mögen ähnlich empfinden wie Sabine Hofmann, die sagt: "Pforzheim ist nun wirklich keine Perle. Aber für uns ein guter Kompromiss."

Ein "attraktiver Standort" eben, zumindest geografisch. Und zumindest so lange, wie der Druck aus den umgebenden Großstädten anhält. Aber dort ist derzeit keine Entspannung auf dem Wohnungsmarkt in Sicht.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 28. Juli 2021 um 22:15 Uhr.