Gymnasium auf der Rhein-Insel Nonnenwerth | dpa
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Privatgymnasium Nonnenwerth Eine Inselschule vor dem Aus

Stand: 04.02.2022 12:12 Uhr

Seit knapp 170 Jahren gibt es das renommierte Franziskusgymnasium auf der idyllischen Rhein-Insel Nonnenwerth - nun steht es kurz vor dem Aus. Über die Schule ist ein bitterer Streit entbrannt.

Von Christian Kretschmer, SWR Mainz

Man kann es sich gut als Filmkulisse vorstellen, das private Franziskusgymnasium auf der Rhein-Insel Nonnenwerth im Norden von Rheinland-Pfalz: ein historisches Klostergebäude, umspült vom Wasser. Achtklässler Laşer Ergin liebt seinen Schulweg dorthin. Er schlendert das Rheinufer entlang, bis zum Fähranleger und dann auf die Insel.

Christian Kretschmer

Doch vom  Sommer an wird er wohl einen anderen Schulweg haben: Die Schulverträge der insgesamt knapp 500 Mitschüler wurden vor Kurzem gekündigt. "Ich bin frustriert, wütend und enttäuscht", sagt der 14-Jährige. Die Schule sei etwas ganz Besonderes, nicht zuletzt, weil sie auch von Schülern aus dem angrenzenden Nordrhein-Westfalen besucht wird. "Ich will mir noch gar nicht vorstellen, was passiert, wenn das Schuljahr zu Ende geht", sagt Ergin.

Nach knapp 170 Jahren steht die Traditionsschule vor dem Aus. Wie konnte es so weit kommen?

Laser Ergin, Schüler | SWR Mainz

Laser Ergin und seine Mitschüler befürchten, dass ihre Schule dicht machen muss. Bild: SWR Mainz

Peter Soliman, Investor | SWR Mainz

Investor Peter Soliman beteuert, er habe das Gymnasium zu "altem Glanz" bringen wollen. Bild: SWR Mainz

Das Problem mit dem Brandschutz

2019 kaufte Investor Peter Soliman die Insel, im Sommer 2020 übernahm er vom katholischen Franziskanerinnen-Orden die Schulträgerschaft. Der gebürtige US-Amerikaner hatte einige Jahre zuvor bereits eine insolvente Privatschule in Nordrhein-Westfalen übernommen und neu aufgestellt. Er habe das Gymnasium auf Nonnenwerth zu "altem Glanz" führen wollen, erzählt Soliman im Gespräch.

Doch 2021, als die Schule im Zuge einer Klassenerweiterung weitere Gebäudeteile nutzen wollte, habe die Schulaufsichtsbehörde einen Brandschutznachweis verlangt. Die Inspektion sei letztlich verheerend ausgefallen: Flucht- und Rettungswege fehlten sowie viele Brandschutzmaßnahmen. Für die Behebung der Mängel und für provisorische Schulcontainer seien mindestens zehn Millionen Euro nötig, sagt Soliman - das sei zu viel. Er werde die Trägerschaft in jedem Fall zum Schuljahresende aufgeben.

Auch mehr als 50 Lehrkräfte betroffen

Davon betroffen sind auch die Beschäftigten der Schule, etwa die mehr als 50 Lehrkräfte. Die meisten von ihnen sind nicht verbeamtet, sondern beim privaten Schulträger angestellt. Sören Ahlhaus ist einer von ihnen. "Man macht sich natürlich Gedanken, wie es jetzt weitergeht", sagt er. Sein Vertrag sei bereits zum 31. März gekündigt worden. Er unterrichtet unter anderem einen Leistungskurs des Abschlussjahrgangs, der bei ihm im Mai die Abiturprüfungen ablegen soll.

Den Lehrern, denen zum Frühjahr gekündigt wurde, sei eine Bleibeprämie angeboten worden, sagt Schul-Geschäftsführer Soliman auf Nachfrage. "Wir sind aber bereits dabei, die Kündigungen aufzuheben und neue auszusprechen für Ende Juli."

Dies sei bislang nicht geschehen, erwidert Ahlhaus. Soliman habe ihm vorgeworfen, seine Bleibeprämie abzulehnen. Ahlhaus würde damit jedoch die Kündigung anerkennen und alle arbeitsrechtlichen Ansprüche gegenüber dem Schulträger verlieren, sagt er. Der Lehrer geht nun gerichtlich gegen die Kündigung vor, weil der Kündigungsgrund - die von Soliman angeführten Brandschutzkosten - zweifelhaft seien.

Gymnasium Nonnenwerth

Die Eltern würden gern die Schulträgerschaft für Nonnenwerth übernehmen und ein eigenes Brandschutzgutachten erstellen.

Luxuswohnungen statt Schule?

Bei den Eltern sind inzwischen viele skeptisch, was die Absichten von Insel-Eigentümer Soliman angeht. Befeuert wird das von einem Exposé einer Immobilienfirma, das der Elternschaft vergangenes Jahr in die Hände gelangt ist. Es sieht vor,  das Schulgebäude in 47 Luxuswohnungen umzuwandeln.

"Das macht uns misstrauisch", sagt Christoph Pie. Er ist Vater zweier Kinder, die auf Nonnenwerth zur Schule gehen, und vertritt als Anwalt Lehrer und andere Schul-Beschäftigte. Vor allem, dass Soliman vor dem Kauf kein Brandschutzgutachten habe erstellen lassen, sei nicht nachvollziehbar.

Soliman sagt, er sei "nie auf die Idee gekommen", einen Brandschutzgutachter durch das Gebäude zu führen. Er sei anfangs naiv gewesen, das gebe er zu. Er habe aber die Schule erhalten wollen und mit dem Immobilienexposé nichts zu tun. In einem Schreiben der Immobilienfirma, das tagesschau.de vorliegt, ist von einem "Missverständnis" die Rede. Das Exposé sei nicht wegen einer tatsächlichen Vermarktung, sondern lediglich "konzeptionell" erstellt worden. Weitere Nachfragen lässt die Firma unbeantwortet.

Dorothea Pie

Bei Eltern wie Dorothea Pie und ihrem Mann gibt es Zweifel über die Absichten des Investors.

Eltern wollen Gymnasium retten

Wie geht es nun mit der Schule weiter? Ein Elternverein, den Pie und seine Frau unterstützen, würde gerne die Schulträgerschaft übernehmen und dafür ein eigenes Brandschutzgutachten erstellen lassen. Viele Eltern zweifeln an den von Soliman veranschlagten Kosten von mindestens zehn Millionen Euro. "Einen klaren Appell haben wir: Lassen Sie den elterlichen Gutachter auf die Insel", sagt Dorothea Pie, ebenfalls Rechtsanwältin. Das werde bislang verwehrt.

Soliman erwidert, dass der Elternverein zuerst einen Kapitalnachweis vorlegen solle, um die Mindestbrandschutzkosten tragen zu können. Der Elternverein teilt mit, nun diesen Schritt gehen zu wollen. Der Verein sehe sonst keine Chance, um die Schule zu retten.

Ministerium: Land als Träger scheidet aus

Doch dass Soliman den Eltern auch die Schulträgerschaft übergeben würde, ist noch lange nicht klar - das Vertrauensverhältnis wirkt zerrüttet. "Wer am ehesten für die Trägerschaft in Frage kommt, ist das Land", sagt Soliman. Er würde einem öffentlichen Träger die Schule für einen Euro übergeben, sagt er. Dieser müsste dann jedoch die Brandschutzkosten übernehmen.

Das rheinland-pfälzische Bildungsministerium zeigt sich auf Anfrage irritiert von der Aussage: Es sei kein konkretes Angebot an das Land gemacht worden. "Im Übrigen ist es auch dem jetzigen Schulträger bekannt, dass das Land als staatlicher Träger eines Gymnasiums schon nach dem Schulgesetz grundsätzlich ausscheidet", teilt das Ministerium mit. "Die konstruktive Fortsetzung der Gespräche mit dem Elternverein wäre sicherlich zielführend."

Klappt das nicht, so sieht es momentan aus, ist das Gymnasium Geschichte - nach 170 Jahren.

  

Über dieses Thema berichten die tagesthemen am 02. Februar 2022 um 22:15 Uhr.