Open-Air Opernaufführung in Klein Leppin | rbb
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Klein Leppin in Brandenburg Ein Dorf macht Oper

Stand: 23.08.2021 15:35 Uhr

Klein Leppin ist, wie der Name schon sagt, nicht besonders groß. 40 Menschen leben in dem Dorf in Brandenburg. An einem besonderen Schauplatz machen sie das, was anderswo fehlt: Kultur auf dem Land.

Von Tina von Löhneysen, rbb

Premiere geschafft! Erleichtert reckt Bela die Arme in die Höhe und verbeugt sich. Der Siebenjährige steht zum ersten Mal auf einer Bühne.

Es war sehr aufregend. Ich habe nicht so auf die Menschen geachtet, ich hab eher auf mich geachtet, wann ich dran bin.
Tina von Löhneysen

Bela spielt einen Igel in der Kinderoper "Rotkäppchen" von César Cui und die Bühne steht fast zwei Autostunden von Berlin entfernt mitten in der Prignitz in Klein Leppin. Das Dorf besteht aus einer Straße und ein paar Häusern. Dazwischen: das Festspielhaus, das nicht wie ein Festspielhaus aussieht. Sondern wie das, was es früher einmal war: ein Schweinestall.

Bela Christensen | rbb

Bela Christensen ist einer der Darsteller in der Kinderoper "Rotkäppchen". Bild: rbb

"Wie eine Riesenfamilie"

Julia Pankow stammt aus Klein Leppin. Mittlerweile wohnt sie einen Ort weiter. Als Kind half sie manchmal ihrer Oma, im Stall der damaligen Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft die Schweine zu füttern. Genau in diesem Stall, mittlerweile aus- und umgebaut, malt sie jetzt die Bilder für die Veranstaltung "Dorf macht Oper".

Jedes Jahr, wenn wir uns wieder alle treffen, ist das wie eine Riesenfamilie. Wir kennen uns jahrelang, das ist so eine tolle Sache. Das ist unglaublich und es macht immer wieder Spaß.

Die Bühne selbst ist nicht Julia Pankows Ding. Sie arbeitet lieber im Hintergrund: Plakate malen, Bühne bauen, Kuchen verkaufen. "Ich mach' im Prinzip alles."

Julia Pankow | rbb

Früher Schweinestall, heute Bühne und Proberaum. Julia Pankow kennt die besondere Geschichte des Veranstaltungsortes. Bild: rbb

Proben im Regen

Ein paar Tage zuvor: die heiße Probenphase. Gleich will das Ensemble draußen loslegen. Doch es regnet. Oft haben sie in den vergangenen Jahren im Schweinestall geprobt, aufgeführt und auch das Pausencatering angeboten. Doch wegen Corona muss alles draußen stattfinden. "Im Stall sind die akustischen Verhältnisse viel besser," sagt Solistin und Chorleiterin Birgit Bockler. "Aber das ist jetzt nicht gegeben und damit müssen wir zurande kommen."

Genauso wie mit dem Regen, der die Proben aufhält. Dabei sei noch viel zu tun, sagt Bockler - und es bleiben nur noch wenige Tage bis zur Premiere. Doch das sei auf professionellen Bühnen nicht anders, bis zur letzten Minute werde geprobt, verändert, verbessert.

Profis und Laien arbeiten zusammen

Das Team ist wild gemischt: Orchester und Solisten sind Profimusiker, der Chor kommt aus Klein Leppin und der Umgebung, das Orgateam auch.  

Es sei schön zu sehen, sagt Bockler, wie Leute, die noch nie im Chor gesungen haben, jedes Jahr wiederkommen. "Wie sie aufblühen mit dieser Aufgabe und wirklich selber Kultur machen. Das finde ich ganz toll und da gebe ich alle meine Kraft gerne rein."

Bockler ist vor 25 Jahren mit ihrer Familie in die Region gezogen und arbeitet hauptsächlich als Gesanglehrerin. Sie genießt es, bei den Aufführungen dann immer mal wieder auch als Solistin auf der Bühne zu stehen.  

"Kein Zugezogenen-Ding"

Initiator Steffen Tast lebt seit langem in Klein Leppin. Er kam auf die Idee für das Projekt, als die Klein Leppiner sich gleich zu Beginn sehr interessiert an seinem Beruf zeigten: Er ist Geiger im Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin. Daraus entstand das Opern-Projekt. Das Ganze sei von Beginn an auf Augenhöhe gewesen. 

"Das ist der Trick an der Sache, dass es überhaupt funktioniert - dass es kein Zugezogenen-Ding ist", sagt Tast. "Das hat man ja sehr oft erlebt, dass man mit dem Impetus aufs Land kommt: Wir sind die Künstler und zeigen euch mal, was Kultur ist. Das war von Anfang an eigentlich nicht unser Interesse, sondern wir haben geguckt, was können wir gemeinsam machen."

Steffen Tast | rbb

Steffen Tast hatte die Idee für "Dorf macht Oper". Bild: rbb

Das ganze Dorf macht mit

Von den gut 40 Klein Leppinern engagieren sich die meisten bei "Dorf macht Oper" - und sei es nur mit einem selbstgebackenen Kuchen für den Premierentag.

Ursula Krämer wohnt schräg gegenüber vom Festspielhaus. Ihr rechter Arm ist gebrochen, deshalb kann sie dieses Jahr nicht wie sonst backen. "Die Oper kann ich schon fast auswendig, die üben ja jeden Tag. Ist sehr schön." Zur Premiere kam sie trotzdem noch mal.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 23. August 2021 um 22:15 Uhr.