Eine inzwischen bepflanzte Bergarbeiter-Lore mit Aufschrift "Glück auf". | Sebastian Jakob / HR
#mittendrin

Frühere SPD-Hochburg Cornberg Das gespaltene Dorf

Stand: 19.08.2021 13:35 Uhr

Bei der vergangenen Bundestagswahl erreichte die SPD im nordhessischen Cornberg noch 40,8 Prozent - die AfD kam auf 17,9 Prozent. Die Themen des Wahlkampfs sind für viele Menschen in der kleinen Gemeinde weit weg.

Von Sebastian Jakob, HR

Tiefhängende Wolken, trostlos wirkende Häuser, eine leere Fabrikhalle - auf den ersten Blick ist Cornberg keine Augenweide. Knapp 1400 Menschen leben in der einstigen Bergbau-Siedlung. Der Ort war früher von Arbeitern geprägt - und deswegen schon immer SPD-Hochburg. 40,8 Prozent haben hier bei der vergangenen Bundestagswahl sozialdemokratisch gewählt, aber auch 17,9 Prozent die AfD.

"Man kann uns nicht noch mehr wegnehmen"

Volker Krause steht am Straßenrand. Er beobachtet das Treiben in der Bäckerei gegenüber, der einzigen weit und breit. Krause ist gelernter Maler. Seine Ausbildung machte er in Cornberg. Seitdem hatte er viele Jobs, auch arbeitslos war er schon. Seit mehr als 60 Jahren wählt er die SPD - "aus Tradition", sagt er. "Weil ich zufrieden war. Warum soll ich alle vier, fünf Jahre wechseln? Man muss zusammenhalten. So habe ich das früher gelernt."

Der Rentner blickt nach links. Dort steht der "Medi-Bus", eine Art rollende Praxis. Einen Arzt gibt es hier schon lange nicht mehr. Michaela Lentge wartet auf ihre Mutter, die gerade behandelt wird. Wen genau Lentge am 26. September wählt, will sie nicht verraten. Aber: "Ich wünsche mir eine Veränderung. So wie es jetzt ist, kann es nicht weitergehen. Man kann uns nicht noch mehr wegnehmen."

Ihre Mutter ist mittlerweile fertig mit dem Arztbesuch. Sie hofft, dass die Grünen nicht gewinnen, weil sie sich um die Autoindustrie sorgt. "Wir brauchen die Autos", sagt sie. Benzin oder Diesel dürften nicht immer teurer werden. "Die Leute hier verdienen nicht viel."

Viele fühlen sich abgehängt

Die Wahlkampfthemen seien auf Bundesebene viel zu weit weg von den Menschen im ländlichen Raum, sagen Mutter und Tochter. Das sieht auch Reinhold Schweinsberg so. Der Landwirt ist enttäuscht von der Politik, deshalb werde er in diesem Jahr auch nicht wählen gehen. "Ich kann mich nicht entscheiden für irgendeine Partei, weil sie nicht das halten, was sie versprechen." Schweinsberg wirkt, wie viele im Ort, als habe er das Vertrauen in die Politik verloren, als fühle er sich abgehängt.

Bis in die nächstgrößere Stadt sind es knapp 30 Kilometer. Restaurants, Friseure, Bankfilialen: In Cornberg ist fast alles zu. Vom früheren Bergbau zeugt nur noch eine alte Lore. Viele Cornberger sind von Arbeitslosigkeit betroffen. Ihr Treffpunkt: die "Trinkhalle" in der Dorfmitte. Häufiges Gesprächsthema dort sind die Flüchtlinge, die in Cornberg aufgenommen wurden. Viele im Ort stören sich daran. Auch Nadine Vorgeiz. Sie wählt die AfD. "Die sind mir sehr sympathisch, weil sie genau die gleichen Gedanken haben wie ich: raus mit den Ausländern. Die haben hier nichts zu suchen!"

Einen Steinwurf von der Kneipe entfernt sitzt Ursula Kuhnsch. Sie ist im SPD-Ortsverein aktiv und glaubt, viele würden die AfD nach wie vor aus Protest wählen. "Da sind auch viele dabei, die bisher nicht gewählt haben. Unsere traditionellen Wähler sterben eher weg, als dass sie abwandern. Und wir haben es schwer, neue Mitglieder zu gewinnen."

Eingang der "Trinkhalle" in Cornberg | Sebastian Jakob / HR

Die "Trinkhalle" in der Dorfmitte ist einer der wenigen verbliebenen Treffpunkte in Cornberg. Bild: Sebastian Jakob / HR

Aufschwung durch mehr Bürgernähe?

Stefan Bender kann das nachvollziehen. Er sagt, die klassischen Volksparteien hätten ihre Trennschärfen zugunsten der Randparteien verloren. Die meisten Politiker hätten nur noch das Ziel, wiedergewählt zu werden, statt sich wirklich zu kümmern, sagt er. Deshalb sei er von keinem im Amt mehr überzeugt. "Die CDU ist sehr farblos. Die SPD verliert noch weiter, weil ihre Wählerschaft über Jahrzehnte verprellt wurde. Und die Grünen fahren einen Kurs für die Stadtbevölkerung."

Deshalb ist Bender - auf kommunaler Ebene - Vorsitzender der "Cornberger Bürgerliste". Er glaubt mehr an ein Anpacken aus der Bevölkerung heraus statt an Parteipolitik. So sehen es auch Michaela Lentge und ihre Mutter. Sie wünschen sich mehr "Macher und Bürgernähe", auch auf Bundesebene. Und hoffen, dass so der Aufschwung zurück nach Cornberg kommt.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 19. August 2021 um 22:15 Uhr.